Aufsatz 
Über die "Erziehung zur Freiheit"
Entstehung
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angeht, ſo wäre es am kürzeſten zu erklären: Nimm an den Schulen der Jeſuiten ein Bei⸗ ſpiel; denn beſſere exiſtieren nicht. Wenn ich den Fleiß und die Betriebſamkeit der Jeſuiten betrachte; wenn ich ſehe, was ſie für die Förderung der Wiſſenſchaft wie für Bildung der Sitten thun, ſo fällt mir des Ageſilaus Wort über Pharnabazes ein:Da Du ſo trefflich biſt, möchteſt Du doch einer der Unſrigen ſein. Im Jahre 1857 ſchrieb Friedrich Körner!¹):Bei den im 16. und 17. Jahrhundert eingetretenen Neuerungen im Schulweſen blieben auch die Katholiken nicht zurück; denn ſie unterrichteten nicht bloß in der Religion und ließen den Katechismus memorieren, ſondern ſie errichteten Gymnaſien, auf denen die alten Sprachen fleißig betrieben wurden, obſchon hier die Scholaſtik und alte Disputierkunſt überwiegend ge⸗ übt wurde. Erſt die Jeſuiten gründeten ein Schulweſen, welches das beſtorganiſierte ihrer Zeit war und daher ſehr bald in der ganzen Welt einen ſehr wohlverdienten Ruf erhielt. Es iſt Sitte geworden, die Jeſuiten als Unmenſchen voll Bos⸗ heit, Hinterliſt und Verrat zu ſchildern, obſchon doch recht gut bekannt ſein muß ²), daß die ihnen vorgeworfenen Verbrechen hiſtoriſch durchaus nicht erwieſen ſind, und daß ihre Aufhebung im vorigen Jahrhundert ein Gewaltſtreich bureaukratiſcher Miniſter war. Ihre Vertreibung aus den ſüd⸗ europäiſchen Ländern war ein Akt roher Gewalt und habſüchtiger Plünderung.... Die Jeſuiten 1) Nektor in Halle, dann Direktor der Handelsakademie in Peſt, Geſchichte der Pädagogik. 2) Selbſt K. v. Raumer ſchöpft ſein Urteil

über die Jeſuiten nur aus den, längſt als unlautere Quelle bekannten, Provinzialbriefen des Pascal( 1663). Kellner I. c. p. 245.

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wußten eine Sittenreinheit zu erzielen, wie ſie auf keiner Schule des 16. und 17. Jahrhunderts ſich fand. Solche Reſultate ſind unmöglich auf grund einer bloß als menſchlich angeſehenen Autorität; dazu gehört mehr als ſchlaue Gewandt⸗ heit; dazu gehört bei Lehrern und Schülern feſt gegründete Üüberzeugung eines religiös⸗ſittlichen Zieles, und dieſe Üüberzeugung iſt die Vorausſetzung der Erziehung zur wahren Freiheit.

Faſſen wir nunmehr unſer Urteil zuſammen. Das Verdienſt der Reformation des 16. Jahr⸗ hunderts, ſoweit dieſelbe wirkliche Fortſchritte auf dem Gebiete der Erziehung und Bildung zur Folge hatte, liegt nicht ſowohl in den neuen Lehren der⸗ ſelben, bei deren Verbreitung zunächſt ein reißender Verfall aller Bildungsanſtalten eintrat, als in dem allgemeinen Geiſteskampf und Geiſtesringen, welches die große Glaubenstrennung hervorrief. Dieſitt⸗ liche Freiheit hat in dem Chriſtentum als ſolchem, als der vollkommenen Offenbarung Gottes, und in dem nach den Forderungen der chriſtlichen Religion eingerichteten Leben ihre Garantie. Da wo ver⸗ ſchiedene Konfeſſionen auf dem gemeinſamen Boden der Lehre Chriſti und des chriſtlichen Lebens ſich finden, iſt dieErziehung zur Freiheit möglich und wirklich. Und in dieſem Sinne wirken alle wahrhaft chriſtlichen Pädagogen gemeinſam an dem großen Werk der Erziehung. Es bedarf dabei keiner Betonung einſeitiger konfeſſioneller Differenzen.

Wenn zur Erreichung ſolcher Ziele ſowie zur gegenſeitigen Verſtändigung die vorliegenden Zeilen beitragen dürfen, ſo iſt der Zweck derſelben erfüllt.