Aufsatz 
Antrittsrede
Entstehung
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ſeine Kraft, das Deutſche durch ſeinen Reichthum und ſeine ſchö⸗ nen Wortöildungen; die griechiſche Sprache vereinigt für ſich allein alle dieſe Arten von Vorzügen.

Die Herrlichkeit der claſſiſchen und beſonders der griechiſchen Sprache aber beruht auf der Vollkommenheit ſowohl ihrer Form⸗ bildung als ihres Satzbaues. Man iſt gewohnt, die alten Spra⸗ chen als die todten und die neueren Sprachen als die lebendigen zu bezeichnen, und dieſer Ausdruck hat inſofern ſeine Gültigkeit, als diejenigen Völker, welche die erſteren geſchaffen haben, vom Schauplatze der Weltgeſchichte längſt zurückgetreten ſind, während die letzteren im Munde von Nationen ſich befinden, welche ſich dermalen auf der Zeitenbühne bewegen; betrachtet man hingegen die Sprache aus dem Geſichtspuncte der ſie durchwaltenden Le⸗ benskraft, ſo hat man alle Urſache, die Bezeichnung geradezu um⸗ zukehren. In voller Jugendfriſche und Jugendſchöne treten die Formgebilde der claſſiſchen Sprachen gleich lebendigen Organismen vor unſere Augen; eine wunderbare Mannigfaltigkeit der geſunde⸗ ſten Wurzel⸗ und Stammformen ſchießt vor uns in der reichhal⸗ tigſten Fülle von Verzweigungen und Veräſtungen auf und entfaltet den üppigſten Blaͤtterſchmuck wie die duftigſte Blüthenpracht. Die neueren Sprachen ſind über die Periode dieſer ſchwellenden Jugendlichkeit bereits hinweggeſchritten. Wie die Bäume und Pflanzen im Winter daſtehen entlaubt und ſaftlos, ſo iſt in den neueren Sprachen das Triebleben der Flexion faſt durchweg er⸗ ſtarrt und erſtorben; was die alten Sprachen von innen her durch organiſche Kräfte bewirken, das ſuchen die neueren größtentheils durch mechaniſche Mittel zu erreichen: Die Präpoſition muß zu⸗ meiſt die Caſusendungen erſetzen, das Hülfsverbum gewinnt in der Conjugation den breiteſten Spielraum, die Conjunction ver⸗ drängt je länger je mehr die Anwendung der Participialien ꝛc. Nicht als fehlten den claſſiſchen Sprachen die Elemente, welche bei den neueren in den Vordergrund treten, das Lateiniſche und namentlich das Griechiſche beſitzt ſogar einen weit reicheren Schatz