Die älteſte Inſchrift, die bei der im vorigen Jahre erfolgten Aufnahme ſämtlicher Grabſteine des alten israelitiſchen Friedhofes gefunden worden iſt, datiert vom Monat Ab 5032 der jüdiſchen Zeitrechnung d. i. vom Juli 1272,) die älteſte Urkunde, in welcher dieſes außerhalb der damaligen Stadtmauer gelegenen Friedhofes Erwähnung geſchieht, iſt vom 30. September 1300.²) Die Frage iſt nun: Iſt dieſer Friedhof überhaupt der älteſte hieſige israelitiſche Begräbnisplatz, oder hat es früher, vor der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, einen anderswo gelegenen israelitiſchen Friedhof hier gegeben?
Es iſt bekannt, daß bis zum Jahre 1462 die Juden hier in der Nähe der Domkirche wohnten. Das Judenquartier wurde um dieſe Zeit im Süden von der längs dem Main ſich hinziehenden Stadtmauer, im Oſten von der Fahrgaſſe bis zum Anfang der Kannengießergaſſe, im Norden vom Garküchenplatz und der ſüdöſtlichen Ecke des damaligen Bartholomäuskirchhofes begrenzt; die weſt⸗ liche Grenzlinie zog ſich vom Weckmarkt durch die Saalgaſſe bis zu dem ehemaligen Heiligengeiſt⸗ Hoſpitale. In dieſem Bezirk, in welchem übrigens nicht ausſchließlich Juden, ſondern auch Chriſten, darunter zuweilen die vornehmſten, wohnten, gab es eine„Judengaſſe“ und nach der Ueberlieferung der Frankfurter Chroniſten und Geſchichtſchreiber bis Anton Kirchner(† 1834.) etwa auf dem jetzigen Garküchenplatz auch einen Judenkirchhof.*) Wenn nun zwar die mit dieſer Ueberlieferung verbundene Be⸗ hauptung, der jetzige alte Friedhof ſei erſt 1462 angelegt worden, längſt als ein Irrtum erkannt worden iſt und nunmehr durch den neuerdings aufgefundenen, oben erwähnten Grabſtein die Exiſtenz dieſes Friedhofes in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts unwiderleglich feſtſteht, ſo iſt man damit noch nicht genötigt, die ganze Ueberlieferung zu verwerfen. Es iſt immerhin möglich, ja es iſt wahrſcheinlich, daß in den älteſten Zeiten der jüdiſchen Anſiedlung in Frankfurt es innerhalb des oben bezeichneten Judenquartiers auch einen jüdiſchen Friedhof gegeben habe. Daß nämnlich eines ſolchen Friedhofes in den gleichzeitigen Quellen keine Erwähnung geſchieht, beweiſt nichts gegen deſſen Exiſtenz. Wir haben vor dem Jahre 1241 weder in den Annalen noch in Urkunden irgend eine Nachricht über eine Judengemeinde in Frankfurt a. M.,¹) und doch iſt das Vorhandenſein einer ſolchen ſchon vor dem 13. Jahrhundert ganz unzweifelhaft.
¹) S. Beilage B No. 1. Der 1. Ab 5032 war der 29. Juni 1272; die Bezeichnung des Monatstages iſt unleſerlich.
²) Boehmer Cod. dipl. Moenofr. p. 336... Gerlacum commorantem in cymitherio... Judeo apud Frankenvord; ibid. 369 Urk. vom 18. Januar 1306 curiam et domum suas apud cymitherium Judeorum extra muros Frankinfordenses sitas.
³) Schudt, Jüdiſche Merkwürdigkeiten I Buch VI. Cap. 38 p. 362:„unſere Frankfurter Juden hatten ihren Kirchhof vor alten Zeiten auf dem Garküchenplatz, in welcher Gegend ſie damahlen gewohnt und ihre Synagoge gehabt“ ibid. 2te Continuation p. 249. Kirchner, Geſchichte der Stadt Frankfurt a. M. I, 199 Anm. 8:„wo jetzt die Mehl⸗ waage, war der Judenkirchhof“.
⁴) Die angeblich aus dem Jahre 1150 ſtammende Nachricht, auf welche Kirchner, Geſch. der Stadt Frankfurt a. M. I, 95 hinweiſt(gemeint iſt eine Stelle in Eben Ha-eser Sefer Rawn— R. Elieser ben Nathan— ed. Prag 370 i. e. 1590 fol. 79c., vergl. auch Grotefend, die Frankfurter Judenſchlacht von 1241 Mitteilungen VI, 60) iſt voller Dunkel⸗ heiten; ſie ſtammt überdies möglicherweiſe erſt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts und ſcheidet, nach dem was Horovitz, Frankfurter Rabbiner I. Heft pag. 1 ff. darüber beigebracht hat, völlig aus. Somit ſind die älteſten Nachrichten über die Juden in Frankfurt: 1) Das Mainzer Memorienbuch 2) Das Klagelied über die Vernichtung der Gemeinde 3) Die Erfurter Annalen 4) Die Gutachten in Or Sarua No. 747 von R. Iſaak aus Wien und ſeines Sohnes Chajim, Or Sarua No. 91, 103 und 221, die von einer Braut und ihrer Schweſter berichten, welche an dem Tage der Juden⸗ ſchlacht zum Scheine die Taufe annahmen. S. Horovitz l. c. S. 6, alle von Zeitgenoſſen ſtammend aus dem Jahre 1241, alle ſich gegenſeitig beſtätigend. Daß gerade die Erfurter Annalen dieſen authentiſchen Bericht enthalten, rührt von


