Der alte Friedhof der israelitiſchen Gemeinde zu Frankfurt a. M.
Von den Fenſtern der Nordſeite unſeres Schulhauſes überblickt man ein weithin ſich erſtreckendes, faſt baumloſes Feld. Zwiſchen dichtem Geſtrüpp und niedrigem Gebüſch ragen aus dem unebenen Boden Tauſende von ſenkrecht in das Erdreich eingelaſſenen breiten, maſſiven Tafeln von rotem Sandſtein hervor. Die meiſten ſind tief in den Boden eingeſunken, verwittert, fahlgrün, mit Moos bedeckt; alle tragen auf der einen breiten Vorderſeite Inſchriften, durchweg in hebräiſcher Quadrat⸗ ſchrift. Während nach der Oſtſeite zu die Steine maſſenhaft ſich erheben, mindert ſich ihre Zahl nach Weſten zu, wo ſie, hier vereinzelt, dort in Gruppen hervortauchend, von hügeligen Grasflächen umgeben ſind. Der weite, von einer hohen Mauer, von der Rückſeite und den Höfen belebter Straßen umſchloſſene Raum iſt ein Bild völliger Abgeſchiedenheit. Von keiner Seite der ihn um⸗ gebenden Straßen zugänglich oder nur ſichtbar, iſt er nicht bloß den Hunderten von Menſchen, die ſich täglich in ſeiner nächſten Nähe geſchäftig bewegen, verborgen, ſondern wohl auch den meiſten Be⸗ wohnern dieſer Stadt unbekannt; nur wenige haben ihn je betreten. Und doch iſt es eine geweihte, geſchichtlich merkwürdige Stätte: der alte Friedhof der israelitiſchen Gemeinde zu Frankfurt am Main. Vor länger als 54 Jahren, am 26. September 1828, fand auf demſelben die letzte Beerdigung ſtatt; ſeitdem iſt er geſchloſſen. Von Jahr zu Jahr mindert ſich die Zahl derjenigen, welche, von Pietät getrieben, ſich die Pforte dieſes Friedhofes öffnen laſſen, um eine ihnen teure Grabſtätte zu beſuchen; nicht lange, und es wird niemand mehr vorhanden ſein, der einen der dort Ruhenden noch mit eigenen Augen geſehen hat. Da war es denn an der Zeit, bevor die Steine gänzlich verwittern und die auf ihnen eingegrabene Schrift völlig unleſerlich wird, gleichſam ein Inventarium aufzunehmen, die Steine zu zählen und mit Nummern zu verſehen, die Inſchriften, ſoweit ſie noch leſerlich ſind, ab⸗ zuſchreiben und in einem Archiv aufzubewahren. Das iſt im letzten Jahre geſchehen.) Vor mir liegen die Abſchriften von nahezu ſiebentauſend Grabſchriften. Schon eine flüchtige Kenntnisnahme derſelben zeigt, daß in ihnen ein nach vielen Richtungen hin verwertbares Material für die Kenntnis der Vergangenheit der hieſigen israelitiſchen Gemeinde gewonnen iſt. Nicht aber dieſes neu gewonnene hiſtoriſche Material ſoll uns hier beſchäftigen; unſere Abſicht beſchränkt ſich diesmal darauf, was über den Friedhof ſelbſt authentiſch überliefert iſt, zuſammenzuſtellen und zum Schluß nur noch einige
allgemeine Bemerkungen über die Grabſchriften hinzuzufügen. ²)
¹) Weſentlich durch das Verdienſt unſeres gelehrten Rabbiners Herrn Dr. Horovitz, der die Arbeiten energiſch
begonnen und mit Ausdauer geleitet hat, ſodann aber auch durch den Beiſtand des Herrn Seligmann Goldſchmidt, der
das Beſte gethan hat, um unſeren Bemühungen, die erforderlichen Geldmittel aufzubringen, den Erfolg zu ſichern. Allen,
die durch ihre Beiträge das Unternehmen bisher gefördert haben, ſei hiermit gedankt.— Es erübrigt nun noch die
von den nötigen Erläuterungen begleitete Publikation der hiſtoriſch bemerkenswerten Inſchriften. Da das erſte und
wichtigſte Erfordernis, der dazu geeignete Gelehrte, vorhanden iſt, ſo wird hier in Frankfurt auch das Uebrige nicht fehlen. ²) Ein charakteriſtiſches, ſtimmungsvolles Bild des alten Friedhofes hat Carl Th. Reiffenſtein geſchaffen.


