Aufsatz 
Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältnis zu Kaiser Tiberius : 2. Teil. Nach dem Tode des Germanicus
Entstehung
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Noch gehäſſiger gegen den Kaiſer iſt die Stelle III, 2: ⁴) Jedermann wußte, daß Ti⸗ berius ſeine Freude über Germanicus Tod nur ſchlecht verhehle.

Auch eine Reihe anderer Stellen hat offenbar den Zweck, den Kaiſer zum Mitſchuldigen Piſo's zu machen. Dahin ſind zu rechnen III, 3. die Bemerkungen über die muthmaßlichen Urſachen des Wegbleibens der Antonia von den Trauerfeierlichkeiten, die Vorſtellungen des Domitius Celer II, 77, wo ebenfalls ein Einverſtändniß der Livia und des Tiberius mit Piſo unterſtellt wird, die Erwägungen des Piſo beim Beginn des Proceſſes III, 10, wo die⸗ ſelbe Unterſtellung gemacht wird, die Klagen optimi cujusque III, 17, wodurch Livia und Tiberius geradezu der gewohnheitsmäßigen Giftmiſcherei bezichtigt werden. Dazu kommen die fortgeſetzten gelegentlichen Andeutungen daß der Kaiſer ſeine Trauer nur erheuchelt habe, daß er ſich im Grunde herzlich über den Tod ſeines Adoptivſohnes gefreut, die Berichte über die gereizte Stimmung des hauptſtädtiſchen Pöbels, der nächtlicher Weile unter den Fenſtern des Palaſtes ſein Redde Germanicum brüllte, die offenbar demonſtrative Trauer der Stadt⸗ bevölkerung, die offenbar demonſtrativen Huldigungen, welche der Agrippina überall, wo ſie ſich öffentlich zeigte, dargebracht wurden, und eine Reihe von ganz gelegentlichen, kaum merk⸗ lichen Streiflichtern, die für ſich allein gar nichts bedeuten, auch in ihrer Geſammtheit nichts beweiſen, wohl aber das Gemüth des Leſers unmerklich gefangen nehmen und den Ge⸗ danken an eine Schuld des Kaiſers wecken und erhalten. Wir müſſen es noch einmal mit allem Nachdruck betonen: Die ſämmtlichen angeführten Stellen haben unbedingt gar keine geſchichtliche Beweiskraft. Die Stellen II, 77 und III, 10 ſind durchaus ſubjectiv, nichts als pſychologiſche Erklärungsverſuche von einem vorgefaßten Standpunkte aus. Piſo und Domitius Celer werden ſich wohl kaum zu ihren intimen Unterredungen Zeugen genommen haben; und was würde auch die Aeußerung des Domitius beweiſen? Und die Erwägungen vor dem Proceß, wie wir ſie III, 10 zu hören bekommen, hat Piſo wohl auch nicht zu den officiellen Gerichtsacten gegeben. Es bleibt ſomit nichts übrig, als die Anſchuldigungen, welche der Pöbel, die Maſſe der Stadtbevölkerung, gegen den Kaiſer ſchleudert.— Aber laſſen ſich daraus richtige Schlüſſe ziehen? Wer ſagt uns, daß jene Aeußerungen die allge⸗ meine Anſicht darſtellten? Könnten ſie nicht ebenſo gut die Meinung einer gewiſſen Partei ausdrücken, die dem Kaiſer übel wollte? Aber nehmen wir ſelbſt den Fall an, daß die in jenen Aeußerungen zum Ausdruck gekommenen Anſichten die allgemeinen geweſen ſeien, was würde das beweiſen? Immer noch weiter nichts als: die öffentliche Meinung beſchuldigte den Kaiſer des geheimen Einverſtändniſſes mit Piſo. Darauf wird kein billig Denkender einen Schluß bauen wollen. Was will in ſolchen Dingen„öffentliche Meinung“ heißen? Weiß man doch, wie heut zu Tage öffentliche Meinung gemacht wird; und im alten Rom wird's wohl nicht anders geweſen ſein. Denken wir doch an Zeitgenoſſen. Nehmen wir den Fall an, es ſchriebe in hundert Jahren ein Hiſtoriker die Geſchichte unſerer Zeit und nähme da⸗ bei Rückſicht auf den mannigfachen Klatſch, der heute tagtäglich mündlich und in allen mög⸗ lichen Zeitungen zurecht getragen wird, berichtete alle Aeußerungen und Verdächtigungen, welche eine unzufriedene Menge gegen einen politiſch mißliebigen Mann ſchleudert, um ſo gehäſſiger, wenn jener die Macht hat und ihm nicht anders beizukommen iſt, als mit der Zunge, und nehmen wir dann an, daß alle anderen Quellen über unſere Zeit verloren gin⸗ gen. Was würde in 2000 Jahren ein ernſter Hiſtoriker aus all dem gewiſſenhafter Weiſe entnehmen können? Nichts als: die öffentliche Meinung beſchuldigte den und den Mann des und des Vergehens. Aber damit müßte die Schlußfolgerung auch aufhören, wenn ſie nicht Gefahr laufen wollte, willkürlich zu werden.— Man kann aus jenen taciteiſchen Stellen ferner ſchließen, wenn wir denn einmal die Allgemeinheit jener Aeußerungen wirklich anneh⸗

4) Aberat quippe adulatio, gnaris omnibus laetam Tiberio Germanici mortem malè dissimulari.