Aufsatz 
Lampert von Hersfeld, der Geschichtsschreiber König Heinrichs des IV. : [zwei Vorträge, gehalten im Geschichtsverein zu Cassel] / vom ... August Eigenbrodt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

31

auf gesunde Grundlage gestellt werden soll. Die Notwendigkeit dieser Kritik habe ich ja schon mehrfach hervorgehoben. Denn neben Vorzügen wohnten unserem Schriftsteller eine Reihe von Mängeln inne, die seine objektive Zuverlässigkeit ganz wesentlich beeinträchtigen. Er war zu sehr bemüht, sich die Dinge in seinem eigenen Kopfe zurechtzulegen, ehe er entferntere Nachrichten sorgfältig, ich meine nach heutigen Anforderungen sorgfältig geprüft hatte: er that den Dingen manchmal Gewalt an unwillkürlich ohne das Bewulstsein eines wahrheitswidrigen Handelns. Vorsichtiges Beachten der Eigentümlichkeiten Lamperts ist daher immer geboten, mehr noch als bei anderen Quellenschriftstellern, in deren Denken die Nüchternheit stärker ist.

Lamperts Urteile sind zuweilen sehr treffend; auch über Heinrich IV. hat Lampert und zwar auf Grund näherer Kenntnis manch wohlberechtigtes Wort gesprochen. ¹¹) Aber ein Hauptgrundsatz der Lampertkritik muſs es bleiben, die Urteile des Schrift- stellers und seine thatsächlichen Angaben zu scheiden; denn nicht selten erzählt Lampert den Thatsachen gemäſs, wo sein Urteil über die Menschen, wo seine ursächliche Verknüpfung, seine Motivierung in die Irre geht. Aber auch im Urteile ist Lampert als ehrlicher Mann zu betrachten. Bei seiner gesunden Grundlage an geistiger Auffassung wäre Lampert für ruhige Zeiten auch in dieser Hinsicht ein besserer Gewährsmann geworden; allein gerade die Zeiten, die er erlebte und beschreiben wollte, waren am meisten geeignet, auch die Verständigsten zu verwirren.

In den Zeiten der Regentschaft von Agnes und von Anno, in den ersten Jahren der nominellen Selbständigkeit von Heinrich war vieles Verkehrte geschehen. Um die stets mit Abfall drohenden Vasallen bei guter Laune zu erhalten, hatten alle Regenten wertvolle Interessen, die sie vertreten muſsten, geopfert. Unzufriedenheit mit den Zu- ständen griff Platz. Das Gefühl einer gewissen Rechtsunsicherheit wurde noch gesteigert durch Maſsnahmen, die man zu Gunsten der Groſsen auf Kosten Schwächerer vollzog. Die Verteilung des Reichsabteienguts im Jahre 1065 setzte viel böses Blut gerade in solchen Kreisen, die an sich gehalten sowie geneigt waren, zur Sache des Königtums zu stehen. Wie es zu gehen pflegt, die eigentlich Schuldigen, die räuberischen Kronvasallen selbst gingen frei aus; die Miſsstimmung richtete sich mit der Zeit gegen den jungen König, den am sichtbarsten hervortretenden Träger der geschaffenen Zustände oder höchstens gegen die ihm persönlich am nächsten stehenden Höflinge. Sollte es wahr sein, was damals so viel gesagt wurde, von den Partikularisten, von Gregor, ja auch von Agnes und von Heinrich selbst bei Gelegenheit zugestanden wurde, so mag der junge König im einzelnen auch üblen Ratschlägen gefolgt sein; jedenfalls entging ihm die sichere Fühlung mit den nun einmal nicht wegzuschaffenden Faktoren seiner Politik, mit den Reichsfürsten und der fester gefügten Hierarchie von Rom; vielleicht daſs seine Kanzlei im Reiche bureaukratisch nivellierend vorging, ohne vorsichtige Schonung der Stammeseigentümlichkeiten, ohne eingehende Kenntnis der örtlichen Verhältnisse. Das jugendlich aufbrausende Wesen des vierten Heinrich, das ahnungslos sichere Auftreten des im Purpur Aufgewachsenen, seine Prinzenschwächen, seine leidige Ehescheidungs- angelegenheit muſsten seinem Ansehen bei der einmal angesammelten Unzufriedenheit erst