Die Schulreform Philipps des Großmüthigen von Heſſen.
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Die große Geiſtesbewegung des ſechzehnten Jahrhunderts, welche an der Schwelle des modernen, des chriſtlich⸗humanen Zeitalters ſteht und deſſen Charakter beſtimmt, die welt⸗befreiende und erneuernde That des deutſchen Geiſtes und Gemüthes, die deutſche Reformation, hat ihre außergewöhnliche, ſie weit über alle ſpäteren Geſchichtsthaten erhebende Bedeutung gewonnen, ihre außerordentliche, bei keiner Be⸗ gebenheit der nachfolgenden Zeit in dem Maße wiedergefundene Wirkungskraft geäußert, indem ſie von dem tiefinnerſten Gemüthsbedürfnis ausgehend und zunächſt in der Sphäre des religiöſen Lebens ſich bewegend, von dieſem Centrum aus die verſchiedenſten in der Peripherie umher⸗, näher oder entfernter liegenden, mehr oder weniger verwandten Lebensgebiete ergriffen, ſie mit dem Ferment ihrer Ideen und Principien erfüllt und durchdrungen, und kraft derſelben reinigend und befreiend, belebend und befruch⸗ tend, ſchaffend und neubildend auf ſie eingewirkt hat. Auf keinem von den verſchiedenen Gebieten des geiſtigen Lebens aber hat ſich dieſer ſegensreiche Einfluß der Reformation directer und kräftiger geltend gemacht, als auf dem nächſtangrenzenden, nächſtverwandten Gebiete der Schule. Ihrem innerſten Weſen nach ſelbſt ein Werk der Erziehung, ein Act in der großen göttlichen Erziehungsgeſchichte der Menſch⸗ heit,— ſeit dem Eintritt des Chriſtenthums in die Welt der größte und ſegensreichſte,— iſt ſie eben⸗ darum auch für die Geſchichte der Erziehung im engeren Sinne, für die Geſtaltung der pädagogiſchen Ideen, Ziele, Methoden und Anſtalten von epochemachender Bedeutung.
Der heilſame Einfluß der Reformation auf das Unterrichts⸗, Erziehungs⸗ und Schulweſen zeigte ſich in Heſſen, wo Fürſt und Volk von Anfang an einen hervorragend regen, innigen und erfolgreichen Antheil an der kirchlich⸗religiöſen Bewegung nahmen, in einer dieſer Theilnahme durchaus entſprechenden Weiſe. Mehrere Umſtände wirkten zuſammen, um der Kirchen⸗ und Schulreform in Heſſen dieſe Auf⸗ nahme und die entſprechende Wirkung zu verſchaffen und zu ſichern. Die heſſiſche Reformation war, dies iſt zunächſt als ein Umſtand von Wichtigkeit in Betracht zu ziehen, auf beſondere Weiſe wohl vor⸗ bereitet und angebahnt. Weiſe Fürſten und fromme Männer hatten hier ſorgfältig den Boden bereitet. Insbeſondere war es Landgraf Ludwig der Friedſame, Hermann des Gelehrten Sohn und Nachfolger, in der Reihe der heſſiſchen Fürſten vor Philipp dem Großmüthigen der bedeutendſte, welcher, als die Hoffnungen der Chriſtenheit auf eine Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern, die ſich an das
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