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beſtimmten Stunden gemeldet werden; hier werden dieſelben in Karten eingetragen, die Linien gleichen Drucks gezogen und die barometriſchen Gradienten berechnet. Aus der Be⸗ ſchaffenheit dieſer beiden Faktoren werden Schlüſſe über die Witterung des folgenden Tags gezogen, die ſodann von den Zeitungen verbreitet werden. Wie umfangreich ein ſolcher Apparat iſt, erſieht man leicht aus folgenden Zahlen: Im Jahre 1874 liefen beim Centralbüreau zu Washington täglich mehr als 800 Telegramme ein und wurden 6—7000 Bülletins an die einzelnen Städte zur öffentlichen Bekanntmachung verſandt. In dieſen Bülletins wird nicht nur Sturm, ſondern es werden auch drohende Ueberſchwemmungen oder bedeutende Hochwaſſer ſignaliſirt, und iſt nur in wenigen Fällen ein Irrthum zu verzeichnen geweſen. Dem Vorgange Amerikas ſind die europäiſchen Staaten gefolgt, doch gelangen die Karten, die von unſerer deutſchen Centralſtation, der Seewarte zu Hamburg ausgegeben werden, nicht in die Hände des großen Publikums, ſie ſind leider faſt nur den Meteorologen vom Fach zugänglich. Die weſt⸗ lichen europäiſchen Obſervatorien verkünden aber herannahenden Sturm ſchon mit ſolcher Sicher⸗ heit, daß ſich in den letzten Jahren gegen 80% bewahrheitet haben, obgleich man eigentlich ſolche Sturmſignale nicht als Vorherſagungen anſehen darf, ſondern nur als Warnungen. Es beſagen dieſelben nichts weiter, als daß ein barometriſches Minimum mit ſtarkem Gradienten ſich nähere und daß die Möglichkeit vorliege, der dazu gehörige Wirbel gehe über den betreffenden Ort. Mehr kann man bei unſerer, trotz allen Fortſchritts, unvollkommenen Kenntniß der Geſetze über die Veränderung des Luftdrucks bis jetzt nicht leiſten.
Der Seemann auf ſchwankendem Schiffe, den keine Telegramme erreichen können, und der Landwirth auf einſamer Scholle bleibt nach wie vor auf die eigene Beobachtung angewieſen. Aber auch für dieſen Zweck hat die neuere Zeit ganz brauchbare Hilfsmittel kennen gelehrt, leider aber iſt ihr Gebrauch noch wenig populär geworden. Die Meiſten begnügen ſich mit einer einſeitigen Beobachtung der Veränderungen des Barometerſtandes,— während ein zweiter für die lokale Witterungskunde ſo wichtiger Faktor gänzlich vernachläſſigt wird,— es iſt dies der Feuchtigkeitszuſtand der Luft und ſein urſächlicher Zuſammenhang mit der herrſchenden Temperatur. Die mannigfaltigſten Inſtrumente ſtehen hier zu Gebote, die alle den Zweck haben, den Thaupunkt d. h. die Temperatur zu beſtimmen, bei welcher ein Niederſchlag der Luftfeuchtigkeit ſtattfindet. Iſt die Differenz bekannt, welche zwiſchen dem Thaupunkt und der herrſchenden Tagestemperatur vorhanden iſt, ſo laſſen ſich mit großer Sicherheit Schlüſſe über den Eintritt oder das Ausbleiben von Regen ziehen, und keine andere Frage der praktiſchen Meteo⸗ rologie gibt es, welche im Binnenlande die Wißbegierde mehr reizt oder welcher größere Bedeutung beigelegt wird. Mit Hülfe eines guten Hygrometers z. B. des von Prof. Klinkerfues in Göt⸗ tingen conſtruirten, laſſen ſich denn auch im Zuſammenhange mit der Windrichtung, dem Wolkenzuge und dem Stande des Barometers in dieſer Hinſicht mit großer Wohrſcheinlichkeit Schlüſſe über die Witterung des folgenden Tages ziehen. Einen allgemeinen Ueberblick über den Gang des Wetters erhält nur der, welcher ſich in Beſitz der Nachrichten von vielen Beobachtungs⸗ ſtationen zu ſetzen vermag und ihre Geheimſchrift zu leſen verſteht. Es iſt dies, wie leicht za ſehen, eine Machtfrage, und wird wohl in Zukunft den Regierungen neben ihren vielen ſonſtigen Bürden und Laſten auch die noch zuwachſen, die launiſchen Aenderungen des Wetters immer mehr zu
überwachen und Wind, Regen und Sonnenſchein vorher zu verkünden.


