Aufsatz 
Eine Abhandlung über Meteorologie, als Vortrag gehalten / vom ... Ebersbach
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Wärmemenge entzögen, daß dadurch in den genannten Tagen Froſt auftreten müßte. Dieſe Erklärung erſcheint auf den erſten Bllick ſehr plauſibel und dennoch iſt ſie nicht ſtichhaltig. Wäre ein kosmiſcher Körper die Urſache, ſo müßte der Temperaturrückſchlag ſtets an demſelben Tage ſtattfinden, ſtatt deſſen tritt er zuweilen ſchon Ende April, in andern Jahren dagegen erſt Ende Mai ein. Langjährige Beobachtungen ergaben noch nicht einmal das Vorherrſchen eines beſtimmten Tages. Daß keine kosmiſchen Urſachen zu Grunde liegen, ergibt ſich zweitens aber daraus, daß die Erſcheinung eine nur lokale iſt und z. B. in ſüdlich gelegenen Ländern gar nicht beobachtet wird, während doch eine Verminderung der Sonnenwärme ſich dort ebenſo fühlbar machen müßte, wie im nordweſtlichen Europa. Die heutige Meteorologie ſucht die Er⸗ ſcheinung folgendermaßen zu erklären:

Beginnt im Frühjahr unter dem Einfluß der ſteigenden Sonne in Sibirien die großartige Auflockerung, entledigen ſich hier die Ströme ihrer Feſſeln und bilden ſich über dieſen ausge⸗ dehnten continentalen Maſſen Barometerminima, ſo muß hierdurch in Europa ein Rückſchlag der Temperatur erfolgen. Die kalte Luft des nordatlantiſchen Oceans, in welchem gewaltige Maſſen Treibeis und Eisberge öfter bis zu den europäiſchen Gewäſſern vordringen, bricht nun über Europa ein, um die aſiatiſche Lücke zu füllen. Daher ſinkt in Europa der Barometer nur bis zum April(Dove) und ſteigt dann wieder unter dem Einfluß der kalten Luftſtrö⸗ mung. Nach dem Buys Ballotſchen Geſetz muß ſchon jedes ſüdlich gelegene Luftdruckminimum genügen, um die gleiche Wirkung hervorzubringen. Liegt z. B. ein ſolches über dem ſüdlichen Rußland oder über dem öſtlichen Theile des mittelländiſchen Meers, ſo treffen uns nordöſtliche Winde; es tritt unter dem Einfluß dieſer Luftſtrömung, die über weite, noch wenig erwärmte Ländermaſſen hinwehen und einen nur ganz geringen Gehalt an Waſſerdampf mit ſich führen, heiteres trockenes Wetter ein, die nächtliche Ausſtrahlung in den kalten Weltenraum nimmt zu und Froſt und Reif ertödten die zarten Triebe der Pflanzen. Dieſe Erklärung ſteht in vollem Einklange mit den gemachten Beobachtungen und findet auch durch die im Frühjahr gewöhnlich vorherrſchende Windrichtung ihre volle Beſtätigung.

Werfen wir zum Schluß noch die Frage auf: Iſt Ausſicht vorhanden, daß man je das Wetter auf längere Zeiten, Wochen oder Monate vorauszubeſtimmen vermag? ſo muß dieſe Frage nach dem heutigen Standpunkt der Wiſſenſchaft unumwunden verneint werden. Die Urſachen aller und jeder Witterungsänderung liegen räumlich ſo weit entfernt, es ſcheinen ſo viele Zufälligkeiten, oder präciſer geſprochen, ſo viele noch unaufgeklärte Vorgänge beſtimmend einzugreifen, daß das Wetterprophezeien auch in Zukunft eine mißliche Kunſt bleiben wird. Ganz anders aber geſtaltet ſich die Frage, wenn es ſich um den wahrſcheinlichen Gang der Witterung in den nächſtfolgenden Tagen handelt. Bei der Beantwortung dieſer Aufgabe ſteht man auf feſtem Grund und Boden und nur von der Errichtung der nöthigen Anzahl Beobach⸗ tungsſtationen wird es abhängen, daß man die Witterung des kommenden Tages mit immer größerer Sicherheit vorausberechnen kann.

In dieſem Punkte ſind die Vereinigten Staaten von Nordamerika den europäiſchen Staaten weit voraus, hat doch auch von hier aus dieſe wiſſenſchaftliche Bewegung ihren Urſprung ge⸗ nommen. Das Verfahren der Vorausbeſtimmung beſteht darin, daß durch den Telegraphen alle Beobachtungen über Aenderungen im Zuſtande der Atmoſphäre einer Centralſtation zu