Aufsatz 
Eine Abhandlung über Meteorologie, als Vortrag gehalten / vom ... Ebersbach
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um ſo größer iſt die Druckverſchiedenheit nahe gelegener Oertlichkeiten und um ſo ſtärker wird der Wind wehen; je weiter ſie ſich von einander entfernen, um ſo geringfügiger wird bei wenig verſchiedenen Druckverhältniſſen die Strömung der Luft ausfallen. Um ein beſtimmtes Maß zu gewinnen, berechnet man den Unterſchied des Druckes pro Meile und nennt dieſe Größe den barometriſchen Gradienten, deſſen Zahl die Stärke des Windes charakteriſirt.

Je größer die Fläche, welche in Mitleidenſchaft gezogen wird, um ſo großartiger werden ſich die Erſcheinungen geſtalten. In der Region der tropiſchen Windſtillen haben wir ſchon den mächtigſten aufſteigenden Luftſtrom und die durch ihn veranlaßten Winde kennen gelernt. Die entgegengeſetzte Erſcheinung findet ſich im Winter über den weiten Flächen des nördlichen Aſiens. Hier ſteigert die gewaltige Kälte von 40 bis 60° die Schwere der Luftmaſſe der Art, daß ſich der Barometer faſt um 2 über den mittleren Stand hebt; nach allen Seiten ſtrömt von hier die Luft fort und die obere kältere Luft ſinkt herab. Da, wo dieſes Herabſinken ſtattfindet, herrſcht Windſtille. Die Entſtehungsurſache von Winden, welche durch große Kälte veranlaßt werden, liegt hiernach ſtets in der Richtung, aus welcher der Luftſtrom herkommt; während bei Winden, deren Urſache ein Luftdruckminimum iſt, dieſes ſtets in der Richtung zu ſuchen iſt, nach welcher der Wind bläſt. Im letztern Falle herrſcht z. B. Nordwind früher in ſüdlich gelegenen Orten als in nördlichen, von welchen er ſcheinbar herkommt.

Wäre es nun der Druck allein, welcher die Bewegung der Luft beſtimmte und wirkten keine andern Kräfte mit, ſo würde der Wind in gerader Linie von dem höhern nach dem nie⸗ drigen Luftdruck zu wehen. Solche andere Kräfte greifen aber in der That mit ein und ihnen hat der Wind ſeine Ablenkung von der geraden Richtung zu danken. In Betracht zu ziehen iſt hier beſonders die Umdrehung der Erde um ihre Axe und die aus derſelben entſpringende Cen⸗ trifugalkraft, daher lautet das zweite Geſetz: Der Wind bläſt nicht gerade aus, alſo nicht ſenkrecht auf die Iſobaren, ſondern iſt ſtets ſo abgelenkt, daß auf der nördlichen Halbkugel die Ablenkung dem Gange des Uhrzeigers entſpricht, auf der ſüdlichen demſelben aber ent⸗ gengeſetzt iſt.

Dieſe Ablenkung, welche wir ſchon bei der Beſprechung der Paſſate kennen gelernt haben, macht ſich bei allen Winden geltend, welches auch ihre Entſtehungsurſache ſei; alle ſüdlichen Winde werden auf der Nordhälfte der Erde, da ſie aus Gegenden mit größerer weſtöſtlicher Ge⸗ ſchwindigkeit ſtammen, nach Weſten, alle nördlichen Winde dagegen aus dem umgekehrten Grunde nach Oſten zu abgelenkt. Nehmen wir z. B. an, es liege über der Nordſee, wie dies ſehr häufig der Fall iſt, ein Luftdruckminimum, ſo wird in den ſüdlich gelegenen Orten Deutſch⸗ lands ein Südweſtwind herrſchen, während in dem weſtlich gelegenen England, weſtliche und und nordweſtliche Winde wehen müſſen. Schweden hat zu derſelben Zeit Nordoſtwind und endlich Dänemark öſtliche und ſüdöſtliche Winde. Da hiernach alle Winde nicht gegen die Mitte eines Luftdruckminimums wehen, ſondern ſeitlich treffen, ſo muß hierdurch eine gewundene, ſpiralförmige Bewegung der ganzen Luftmaſſe veranlaßt werden.

Demſelben Geſetz, das unſere Winde regiert, gehorchen auch die Stürme der tropiſchen Gegenden, deren Bahn ſich auch noch nach Europa erſtreckt, nur daß hier dieſe Luftſtrömungen breiter und ſchwächer geworden ſind. Auch bei den Stürmen zeigt ſich eine ſpiralförmige Be⸗ wegung der Luft um das Sturmauge, wie der windſtille Mittelpunkt des ganzen Sturmſyſtems