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Sinnesart als geftissentlich gesuchtem Ueberdauern von Abmühungen und nicht etwa mehr an der Hand von feststehenden Normen als männerfestem Handeln Gefahren zu überstehen, so erwächst uns doch der Vortheil uns nicht angesichts der im Anzug begriffenen Leiden zum voraus bereits abzu- mühen und zur Entscheidung geschritten nicht unentschlossener dazustehen als die sich ständig ab- mühenden, sowie auch, dass unsere Stadt sowohl in dieser, wie auch in anderer Beziehung Anspruch auf Bewunderung hat.
40) Wir warten nämlich des Schönen mit Aufwand von Pracht und huldigen wissenschaftlichem Streben ohme Schönthuerei. Und in dem Reichthum sehen wir mehr ein gelegenes Mittel zum Handeln als zum prahlerischen Wortprunke und zur Armuth sich zu bekennen ist keine Schande, wohl aber ist es schmählicher durch die That nicht über sie hinauszukommen. Daneben wohnt uns inne der Sinn für häusliche und öffentliche Angelegenheiten zugleich und den anderweitigen Beschäftig- ungen zugethanen die Fähigkeit sich auf öffentliche Angelegenheiten nicht stümperhaft zu verstehen. Denn vwir allein sehen den, der sich um solche l'inge nicht kümmert, nicht als einen unthätigen, sondern unnützen an, und vir entscheiden fürwahr endgiltig über die Dinge oder ziehen sie richtig in Betracht, da wir die Reden nicht als einen Nachtheil für die Thaten ansehen, sondern der Meinung sind, man solle sich lieber durch die Rede nicht früher weisen lassen als bis zum entscheidenden thatsächlichen Schritt. Denn schliesslich haben wir auch das für uns, dass wir nämlich zumeist zu- gleich unternehmend sind und über das zu unternehmende Rath pflegen. Dem entgegen erzeugt bei den übrigen Unkenntniss kühnes Wagen, Berechnungen aber Zögern. Für die tüchtigsten an Muth aber mag man wohl die erachten, die Schrecken und Freude aufs schärfste herausfinden und desshalb nicht vor den Gefahren zurückschrecken.
Und in Dingen menschenfreundlichen Wohlwollens stehen wir anders da, denn die Mehrzahl: denn nicht durch Wohlfahren, sondern Wohlthun erwerben wir uns Freunde Beständiger aber ist der Wohlthäter, demzufolge er durch wohlwollende Gesinnung den pflichtschuldigen Dank in dem wach erhält, dem er gegeben. Der Gegenschuldige aber hats minder eilig, da er weiss, dass er nicht zum Ausdruck des Dankes, sondern als eine Schuld die gute Gesinnung wieder heimzahlen will. Und wir allein fördern nicht sowohl aus zugespitzter Berechnung des Vortheils, als im guten Glauben an unsere freigiebige Gesinnung sonder Bedenken manchen.
41) Kurzgefasst nenne ich denn so die ganze Stadt eine Bildungspflanzschule Griechenlands und sage es aus, dass jeder einzelne in derselben Person, wie mir scheint, von uns aus nach den viel- seitigsten Gestaltungen und mit möglichst anmuthiger Gewandtheit sein leibliches Wesen als zu- reichend entgegen bringe. Und dass dieses nicht sowohl ein der augenblicklichen Lage ent- sprechendes Zurschaureden, als die thatsächliche Wahrheit ist, das weist die Macht des Staates nach, die wir vermöge dieser Charaktereigenschaften erworben: Denn sie allein, hräftiger denn alles ver- nommene, geht die Probe eiu und sie allein bietet dem anrückenden Feinde keine Veranlassung zum Unmuth über die, von deren Seite es ihm schlimm geht, auch nicht dem unterworfenen zum Vor- wurf, als werde er von unwürdigen beherrscht. Dadurch, dass wir unter mächtigen Anzeigen und fürwahr doch wenigstens nicht unbezeugt unsere Machtstellung darlegen, werden wir bei der Jetzt- wie bei der Nachwelt Bewunderung erregen, ohne auch nur eines Homer als Lobredners zu bedürfen, oder auch eines, der durch sein Lied die augenblickliche Lage erfreulicher gestalten soll, dessen Auf- fassung der Thatsachen dagegen die Wahrheit schädigen wird, sondern dadurch, dass wir alles Wasser und Land durch unser Wagnis zur Nutzbarkeit vollständig bezwangen, überall aber unverlöschliche
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