39
gefochten hatten, zum Rückzug nach Süden gezwungen; fie wandten ſich daher nach Macedonien hin, offenbar in der Abſicht, ihre an der Küſte noch ankernde Flotte zu erreichen. Ihre Wagenburg ſollte ſie gegen die Angriffe der verfolgenden Römer decken, allein bei der Raſchheit, mit der Claudius ihnen namentlich mit ſeiner Reiterei folgte, erwies ſich bald ein geordneter Widerſtand als vergeblich. Obendrein ließ der Mangel an Nahrungsmitteln, der bald in dem vorher von ihnen ſelbſt ausgeſogenen Lande unter ihnen ausbrach, binnen kurzer Zeit die Zugthiere ihrer Wagen fallen; der Schutz, den ihnen die Wagenburg bisher beim Lagern geboten, ſchwand damit ebenfalls hin. Dazu kam, daß eine Menge der Ihren gleichfalls dem Hunger und den daraus entſtehenden Seuchen zur Beute fielen. So waren ſie genöthigt, ohne jenen deckenden Schirm, entkräftet und decimirt den Rückzug fortzuſetzen. Dieſe ihre verzweifelte Lage ſcheint Claudius zu einem neuen Hauptangriffe benutzt zu haben, wobei wiederum die Reiter eine hervorragende Rolle ſpielten; der Zug der Flüchtigen ward völlig zerſprengt, die Männer großentheils niedergehauen oder zu Gefangenen gemacht, was übrig blieb, ſuchte Rettung in den Schluchten des Rhodope(j. Despoto Dagh).*) Eine ungeheure Maſſe von Weibern und Kindern fiel in die Hände der Sieger, unter ihnen die Frauen der Gefolgsführer, deren Mehrzahl mit ihren Weibern nun den Nacken dem Sklavenjoch beugen mußte. Nach dieſem Kampfe, deſſen Stattfinden erſt aus den zerſtreuten Notizen der Hiſtoriker feſtgeſtellt werden muß, und nicht, wie man ſonſt wohl irrthümlich angenommen hat, unmittelbar nach der Schlacht von Naiſſus, ſchrieb Claudius jenen bekannten Brief an Junius Brocchus, den Statthalter von Illyricum(II. A. Claud. 8.), der allerdings ganz im Tone des Siegers gehalten, den Untergang des großen Gothenheeres meldet und deſſen Inhalt in der Hauptſache alſo keineswegs auf ruhmrediger Uebertreibung beruht, wie man behauptet hat.**) Auch erſehen wir aus dieſem Briefe, daß, wie leicht zu denken, mit dem Aufhören eines Geſammtwiderſtandes auch die noch übrige feindliche Flotte eine Beute der Römer ward, die natürlich die für ihre Zwecke unbrauchbaren Fahrzeuge gänzlich vernichteten. Die verlaßene Wagenburg ward den Flammen übergeben, die zahlreichen Gefangenen als Anbauer in entvölkerten Reichstheilen angeſiedelt, tüchtige Krieger unter ihnen, die dazu geneigt waren, nach ſchon ſeit Langem üblichem Gebrauch, in die Reihen der ſiegreichen Legionen aufgenommen. Aus der übrigen Beute, die, abgeſehen von den Waffen, zumeiſt aus geraubtem Gut oder Zugvieh beſtand, wird wohl den Provincialen einige Rückerſtattung ihrer ſchweren Verluſte geworden ſein, außerdem wird ſie ſchwerlich aus vielen für die Römer werthvollen Dingen zuſammengeſetzt geweſen ſein. So kam unter ſtets fortwährenden kleineren Kämpfen und immer größerer Decimirung der noch im Gebirge befindlichen Gothenreſte der Winter des Jahres 269 heran, in welchem der Kaiſer, immer noch auf die genaue Ausführung ſeines Vernichtungsplanes bedacht, auf dem Kriegsſchauplatze mit den Truppen die Winterquartiere bezog, um mit Beginn des Frühlings auch die letzten Barbarenſchaaren in ihren Schlupfwinkeln aufzuſuchen und unſchädlich zu machen.
waren die Gothen unbedingt von der Erreichung der zahlreichen Päße des hohen Balkan abgeſchnitten und zum Marſch nach Süden genöthigt.
*) Daß die Wagenburg nicht ſogleich nach der Schlacht von Naiſſus eingenommen wurde, beweiſt Zos. I, 45. Zu vgl. iſt übrigens deshalb auch Pollio H. A. Claud. 8 und 9.
*—) Dies thut z. B. Aſchbach„Geſchichte der Weſtgothen“ p. 13.


