Aufsatz 
Das Wort. Eine Rede
Entstehung
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Jetzt begreift Ihr, geliebte Jünglinge, von welcher hohen Wichtigkeit für mich und Euch die gegenwärtige Stunde ſey, welche Verpflichtung gegen Euch ich jetzt übernehme, und wie Euer köſtlichſtes Gut von der Weiſe, wie ich mich derſelben entledige, weſent⸗ lich abhänge; welche ſchwierige Bahn aber auch Ihr ſelbſt mit uns zu durchlaufen habt, wenn Ihr die Palme erringen wollt. Es gilt hier nichts Geringeres, als die ausdrück⸗ liche Begründung Eurer ganzen Perſönlichkeit, die Ausprägung Eures ganzen ſittlichen Typus, den Ausbau Eurer Seele zum Tempel des Allerhöchſten durch das Wort, und ein Wort von mir, vielleicht nur eben hingeworfen oder gar im heiligſten Eifer geſprochen, kann im Gegentheil die Keime des Böſen in ein Herz bringen.

Denn unabſehlich ſind die Gedankenſchwingungen, welche ein Wort zu erregen ver mag, zahllos und unermeßlich die Mißverſtändniſſe, und die geſundeſte Koſt iſt dem Kranken tödtlich, die heilſamſte Arznei dem Geſunden verderblich, und wo ein Aas liegt, da entwickelt auch die allbelebende Sonne giftige Dämpfe.

Alles, was Ihr geſtern gehört habt, Ihr Jünglinge, vielleicht ſogenannte Kleinig⸗ keiten, wovon Ihr ſchon nichts mehr zu wiſſen meinet, alles hat in Euch einen Stachel zum Guten oder zum Böſen zurückgelaſſen, und was Ihr heute denket, das ruhet auf der Baſis deſſen, was Ihr geſtern gedacht habt. Schon zwiſchen der Thür und Schwelle mit halben Ohren hörtet Ihr Jemanden eine Sünde leicht nehmen; Ihr kommt heute in Verſuchung zu einer andern und nehmet die andere ganz unähnliche ebenfalls leicht, oder der geſtrige Anflug ſittlichen Abſcheus rettet im Gegentheil Eure Seele. Eine Sünde aber, wie eine Tugendübung, iſt die Mutter vieler andern. Und hättet Ihr ge⸗ nauer Achtung gegeben, Ihr würdet gefunden haben, daß man jene Sünde keineswegs als unbedeutend betrachtet wiſſen wollte: aber auch was in dieſem Falle für Euch erfolgt wäre, möchte kein Sterblicher ſagen. Denn geſetzt, man hätte Euch vielmehr zu über⸗ treiben geſchienen? wie leicht konnte es da um den ſittlichen Abſcheu geſchehen ſeyn, und Ihr nun im Gegentheil das Böſe als nicht ſo gar ſchlimm anſehen! Es kommt hier Alles darauf an, ob an der Stelle Eures Herzens, wo die ſittliche Berührung ei⸗ nen Accord hervorrufen ſollte, die Saiten wohl aufgezogen und geſpannt waren. Wie im Makrokosmus der Menſchheit, eben ſo wirkt das Wort in der kleinen Welt der Individuen; wie in der Geſchichte, ſo im täglichen Leben; ein einzelner Menſch aber iſt ſo viel werth, als alle Menſchen aller Zeiten.

Der Chriſt iſt frei, und keiner Menſchenſatzung, ſondern nur dem Worte Gottes Gehorſam ſchuldig, ſprach Luther, und Deutſchland ſtand im Aufruhr, Tauſende aber