— das Wort unſern geiſtigen Gehalt aus oder zieht ihn zuſammen, hellt auf oder verdun⸗ kelt, beſſert oder verdirbt.
So wirkt das Wort als Wort; ſey es ein gutes oder ein böſes, mögen wir es an—
nehmen, oder verwerfen, und an der Geſtaltung unſeres Innern arbeiten andere nicht weniger als wir ſelbſt. Ein großes Wort kann Kleines, ein kleines Großes, ein gutes Wort Böſes, ein böſes Wort Gutes erwirken. Ja in Beziehung auf das Ganze, und auf die Wirkungs⸗ art des Wortes giebt es gar kein kleines oder großes Wort, ſondern was ſchlechthin das Wort als Wort zu unſerm geiſtigen Beſtande hinzufügt, iſt ein Theil dieſes geiſti— gen Beſtandes und als ſolcher einem jeden andern Theile des Ganzen gleich; dieſes Ganze aber nun nicht mehr das, was es vor dem Hinzutreten auch des kleinſten Wor⸗ tes war. Hier fand ſich eine Lücke, das kleine Wort hat ſie ausgeglichen; war erſt alles wohl gerundet, ſo ragt jetzt ein Punct hervor. Kurz, ein jedes Wort verurſacht im Geiſte des Hörenden eine Bewegung, wodurch ſeine Ebenmäßigkeit gewonnen oder geſtört werden kann, und zwar eben ſowohl das böſe als das gute Wort.
Denn die Wirkungsart eines Wortes wird durch mancherlei Dinge bedingt, welche zur Zeit des Hörens eines Wortes zum Theil gänzlich jenſeits unſerer Macht liegen, namentlich durch die beſondere geiſtige Beſchaffenheit des Hörenden und des Sprechen⸗ den; und es kommt gar ſehr darauf an, wie das Wort geſprochen, wie aufgenom⸗ men wird. Dieſes Wie aber iſt das Reſultat vorhergehender Urſachen, und hängt jetzt nur wenig vom menſchlichen Wollen ab.
Es iſt eine Unwahrheit, wenn Tacitus in Entrüſtung über entſetzliche Zeiten das Leben ein Gaukelſpiel des Schickſals 1) nennt: manch zerriſſenes Gemüth kann dadurch beſtärkt werden in ſeiner Entfremdung von Gott; manches ſinnige Gemüth da⸗ gegen auch von derſelben Unwahrheit zu der Überzeugung geführt werden, daß es noch etwas Höheres gebe, als dieſes irdiſche Leben, und alle Räthſel uber Sternen ihre voll⸗ kommenſte Löſung finden werden..
Es iſt ein herrliches Wort: Erkenne dich ſelbſt!— wen es aber veranlaßt, ein Säulenheiliger oder indiſcher Nabelbeſchauer zu werden, der iſt arg genug damit
belogen †).
d Jahrb. 3, 18.
rt) Göthe, Bd. 49. S. 110. 4*


