Geſchichte des Bensheimer Gymnaſtums
nach den Urkunden dargeſtellt
von
Dr. Heinrich Dinges,
Gymnaſiallehrer zu Bensheim. Irſter Teil.
Einleitung und Vorgeſchichte.
KOEGGO& εσν Sαυααἀε, dοορσκαισ αἀεασς. Aeschyl. Supp. 180.
Als die Danaiden auf ihrer Flucht aus Ägypten in Argos angelangt waren und ihr Vater Danaos bewaffnete Argeier herankommen ſah, ermahnte er die Töchter zur Vorſicht und riet ihnen, ſich an den nahen Altar zu flüchten. Bei dieſer Gelegenheit ſprach er nach Äschylus den obigen Vers, der auf deutſch heißt:„Kein Turm ſo ſtark als der Altar, die Wehr bricht nicht!“— Gleich den Danaiden ſtand nach dem Untergang des weſtrömiſchen Reiches die griechiſch⸗römiſche Kultur ohne Schutz und vaterlandslos in Europa und alle Verhältniſſe drängten, daß der Altar ſie in ſeinen Schutz nehme. Der Altar that es und hat ſich als ſtärker erwieſen denn die Waffen der Römer, die keinen Schutz mehr gewähren konnten, aber auch als ſtärker denn die Roheit der Barbaren, die das römiſche Reich geſtürzt hatten, doch von dem Altare d. h. den Segnungen des Chriſtentums zu Kulturvölkern veredelt wurden, denen die klaſſiſche Kultur nachhaltiger zu ſtatten kommen ſollte als den beiden klaſſiſchen Völkern ſelbſt. Ein Jahrtauſend lang haben die Diener des chriſtlichen Altares in ihren Klöſtern die Schätze der griechiſch⸗römiſchen Kunſt und Wiſſenſchaft durch Unterricht und mühevolle Vervielfältigung der klaſſiſchen Schriftwerke erhalten, gepflegt und verbreitet, wenn wir nur die Zeit ſeit dem Untergange des weſtrömiſchen Reiches bis zur allgemeinen Übung der Buchdruckerkunſt berückſichtigen. Denn kaum etwas ſpäter als ein Menſchenalter nach dem Ende des weſtrömiſchen Reiches ſtiftete Benedikt von Nurſia 529 auf dem Monte Cassino bei Neapel den für dieſe Wirkſamkeit ſo erfolgreichen Benediktinerorden, der außer gottesdienſtlichen Verrichtungen die Jugend unterrichten und erziehen und durch Abſchreiben von Handſchriften Kloſterbibliotheken ſchaffen und ergänzen ſollte. Ihm ſchloſſen ſich im Laufe der Zeiten andere Orden an und ihre ſegensvolle Thätigkeit wurde erſt entbehrlich und allmählich abgelöſt, als man die Buchdruckerkunſt allgemein auszuüben und mit dem Auftreten der Humaniſten und der Einführung der Reformation die Schulen ihres kirchlichen Charakters zu entkleiden begann. In den Gemeinden, wo während jener Zeit keine Kloſterſchule war, wirkten wenigſtens Prieſter als Lehrer und Träger römiſch⸗griechiſcher Bildung und leiteten auch noch nach der Reformation in den katholiſch gebliebenen Gegenden im Verein mit fortbeſtehenden Kloſterſchulen Unterricht und Er⸗ ziehung. Doch nicht allein Lehrkräfte ſtellte der Altar zur Erhaltung und Verbreitung klaſſiſcher Bildung, es kamen auch die frommen Stiftungen, ſeine materiellen Schätze, der Schule zu ſtatten. So lange dieſe ganz unter der Leitung der Mönche und Prieſter ſtand, natürlich; allein auch nach der Reformation wurden dieſe Stiftungen, welche die Zeit ihrem urſprünglichen d. h. kirchlich⸗gottesdienſtlichen Zwecke entfremdet
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