Die nachträgliche Beſprechung eines vor Jahren erſchienenen Buches mag ungewöhnlich er⸗ ſcheinen, aber der Anlaß iſt es noch weit mehr, und wenn die Kritik verſagt, muß in andrer Form der notwendige Proteſt erhoben werden.
Zu den erfolgreichſten neueren Horazausgaben gehört die von Prof. Dr. Emil Roſenberg, 4. Aufl. Gotha 1904. R. hat ſeit 1880 zahlreiche Abhandlungen über Horaz veröffentlicht, die in den führenden Fachzeitſchriften das höchſte Lob geerntet haben. Nach Mewes(Ztſchr. f. d. G.⸗W. Ig. 38), der ſeine Aufſätze als geiſtreich preiſt, war er vermöge ſeiner eignen poetiſchen Veranlagung, warmen Begeiſterung und vollen Sachkenntnis vor andern berufen, die Muſe des Dichters zu verſtehen und zu würdigen; und Gebhardi(Jahrb. f. Phil. u. Päd. Bd. 128) rühmt von ihm, daß er in ſeltnem Maße philologiſch geſchultes Wiſſen und poetiſch⸗künſtleriſches Verſtändnis vereine und ihm auf Grund dieſer glücklichen Vereinigung eine Würdigung Horaziſcher Poeſie gelungen ſei, die nach den Tagen der Peerl⸗ kamp, Gruppe, Lehrs wahrhaft wonnevoll anmute. Seine Ausgabe, die ja wohl als Quinteſſenz und Reſultat ſeiner Forſchungen gelten darf und nicht als Schul⸗, ſondern als Lebensausgabe gedacht iſt (Vorw. ¹), ſoll eine Lücke in dem Bilde des Dichters ausfüllen.„Wir haben ſehr gute Horazausgaben, — die von Nauck, Schütz, Hirſchfelder, Kießling— aber, wie ich glaube, noch keine, von der man ſagen könnte, daß der Text und Kommentar des Dichters in allen Stücken würdig wäre, in dem ſelbſtbewußtes Römertum ſo herrlich durch feinſinnige Erfaſſung des Hellenismus geläutert und geadelt wurde.“ Ich fürchte, R. hat ſich von dieſem Ziel nur weiter entfernt.
1. Es iſt bedauerlich, wenn ein Buch, das auf Viſſenſchaftlichkeit Anſpruch macht, allenthalben einen Mangel an Sorgfalt verrät, den man dem Genie ſo wenig wie dem Stümper verzeiht. Um auf die 3. Auflage zurückzugreifen, was ſoll man dazu ſagen— von ſchier unzähligen Druckfehlern zu ſchweigen—, daß Od. I 20,1 im Text zu leſen iſt Vile potabis mod. Sab. canth., in der Anmerkung jedoch Vile potabo immodicis? Daß zu IV 15,5 als Lemma ein ganz unverſtändliches Georgika erſcheint, das Fragment einer Anmerkung, die der Verf. einfach weggelaſſen hat? Daß zu I 7, 9 von Axrgi geſprochen wird, wie wenn Argos im Text Acc. Plur. wäre, obwohl dives Argos ſich ſofort als Neutr. Sing. zu erkennen gibt? Daß gar III 3, 34 discere nect. sucos mit„ſchlürfen“ überſetzt wird, weil R. dieſe Deutung bei irgend einem Herausgeber fand und überſah, daß dort eine andre Lesart(ducere) vorlag? ¹) Schon die 2. Aufl. wird unter Krahs Beifall(N. Phil. Rundſch. 1891 S. 291) als„ſehr verbeſſert“ bezeichnet; wie mag die erſte ausgeſehen haben?
Aber auch in der neueſten Auflage ſtolpert man auf Schritt und Tritt über ähnliche Steine des Anſtoßes. So muß es zu I 1, 22 heißen Hom. Od. XIII 102, nicht V 102; zu II 2, 18 im Lemma plebi, nicht plebis; II 17, 23 Saturno, nicht Saturne; I 2, 3 arces, nicht arcis. Die Bemerkung II 19, 9 fas et gehört zu V. 13, die mit dem Lemma Teucro I 7 zu V. 27, nicht 21. Zu III 27, 28 muß es heißen„trotz ihrer(nicht ſeiner) Kühnheit.“ I 7, 1 Laud. alii cl. Rhodon heißt nicht„preiſen werden andre Dich.“ IV 7, 27 muß im Lemma ſtehen abrumpere, nicht abrumpet; IV 14, 30„ſprengte auseinander“, nicht„auseinandergeſprengte.“ Keinem Quartaner verzeiht man Nachläſſigkeiten wie die: I 28, 2„Archytas war ein Zeitgenoſſe Platos, berühmter Pythagoreer und Staatsmann zur Zeit Platos.“ II 6, 10„Damit die koſtbare Wolle nicht befleckt würde, wurde um die koſtbare Wolle ein Vließ gebreitet“. ²) III 6, 1 ſpricht R. von der grauſen Tat des Romulus und Remus(immerentis Ep. 7, 19) und II 11, 1 von Galliern und Celten wie von zwei
¹) Oder hat R. ernſtlich geglaubt, aiscere könne ſchlürfen heißen? Den ſeltſam verſchlungenen Pfaden ſeiner Gedanken⸗ gänge vermag man oft kaum zu folgen.
²) Die Notiz iſt zudem überflüſſig und— falſch. S. Eckſtein bei Krämer, D. Menſch u. d. Erde II S. 461:„Die Tataren binden Lämmer in grobe Leinwand, um dadurch die Kräuſelung des Felles zu fördern“.


