Aufsatz 
Eine Ferienreise nach dem Goldnen Horn
Entstehung
Einzelbild herunterladen

28

Bau. Kaum minder reizvoll als der Anblick der Baudenkmäler iſt die Rundſicht auf Stadt und Landſchaft, auf Berge und Meer, beſonders im warmen Ton der abendlichen Beleuchtung.

Neben der Burg müſſen das Theſeion, das Gräberfeld am Dipylon und die Schätze des Nationalmuſeums als die größten Sehenswürdigkeiten aus alter Zeit gelten. Das Theſeion, das übrigens ſeinen Namen viel⸗ leicht mit Unrecht trägt, iſt unter allen Tempeln Griechenlands und Kleinaſiens der beſterhaltene. Am Dipylon gingen dicht neben einander dieheilige Straße nach Eleuſis und der Weg nach dem Piräus vom Stadtring ab, begleitet von zahlreichen Grabmonumenten, die, Jahrhunderte lang unter Schutt begraben, zum großen Teil vorzüglich erhalten ſind. Die wertvollſten, ſo das berühmte, 1 m hohe Denkmal der Hegeſo hat man neuerdings durch Drahtgeflecht in Eiſenrahmen geſchützt. Einen ſehr üblen Eindruck macht die Verunreinigung dieſer von Herren und Damen tagtäglich beſuchten Stätte durch das niedere Volk. Wenn das Kuppelgrab bei Eleuſis, fernab von menſchlichen Wohnungen, gelegentlich einem Ziegen⸗ hirten als a6raro« dient, ſo läßt ſich dagegen nichts ſagen, wie unan⸗ genehm es auch für den Beſucher iſt. Allein hier könnten doch die angeſtellten Wärter die widerliche Beſchmutzung der Schutthalden verhindern, deren manche man nur mit angehaltenem Atem paſſieren kann.

Das Nationalmuſeum kann ſich an Reichhaltigkeit mit den Sammlungen der großen europäiſchen Hauptſtädte nicht meſſen, allein es beſitzt Stücke von unſchätzbarem Wert, wie den Jüngling von Antikythera*) und die Gräberfunde von Mykenä. Dabei wird der Wert aller zur Schau geſtellten Antiken durch den Erdgeruch der Autochthonie weſentlich erhöht. Sie bilden vielfach eine ergreifende Illuſtration der Geſchichte des Volkes;

ſo ſehen wir an den Schädeln und Knochen aus einem Maſſengrab 16 2y Xaupcysig davéytey noch heute die 338 v. Chr. von macedoniſchen

Schwertern gehauenen Scharten.

Honoris causa pflegt auch der Kolonos Hippios beſucht zu werden, der von der Piräusſtraße zu Fuß in 20 Minuten erreichbar iſt, der Heimatgau des Sophokles. Die Stätte, wo des Dichters Schwanen⸗ geſang den greiſen Oedipus den erlöſenden Tod finden läßt, hat ſich ſeit⸗ dem nicht zu ihrem Vorteil verändert. Kein ſchützendes Laubdach gewährt mehr niſtenden Nachtigallen ein Obdach. Eine armſelige Pinie vegetiert

*) Die überlebensgroße Bronceſtatue ſtammt von einem im Altertum untergegangenen, mit koſtbaren Kunſtwerken beladenen römiſchen Schiff und wurde i. J. 1900 aufgefunden. 3