Aufsatz 
Jean Baptiste Rousseau : eine literarische Skizze / von Dillmann
Entstehung
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Chriſtenthums über den Fatalismus. Nichts zeigt, daß Rouſſeau die Größe und Wichtigkeit ſolcher Thaten begriffen und gefühlt hätte. Nicht der geringſte lyriſche Schwung findet ſich im ganzen Gedichte. Man ſieht daraus, in wie weit Rouſſeau für die Ereigniſſe ſeiner Zeit empfäng⸗ lich war, oder wenigſtens die Art, wie er ſeine vorhandene Empfänglichkeit ausgedrückt hat.

Wir wollen den Kreis ſeiner Gefühle immer mehr einengen und ſchließlich zu den That⸗ ſachen kommen, die ihn perſönlich berührten.

In ſeiner Verbannung hatte Rouſſeau in der Schweiz bei dem franzöſiſchen Geſandten, dem Grafen de Luc die wohlwollendſte Aufnahme gefunden und dafür wollte ſich der Dichter in einer Ode erkenntlich zeigen. Dieſe iſt nun zwar ein Meiſterwerk von Sorgfalt, Kunſt und Eleganz, aber vergebens wird man darin einen Klang des Herzens ſuchen. Wem ein noch ſo kleiner Lie⸗ besdienſt von Freundes⸗ oder unbekannter Hand geleiſtet wird, der wird doch wenigſtens einige Worte der Erkenntlichkeit dafür haben, die ohne Kunſt aus dem Innern des Herzens hervorgehen. Doch umſonſt wird man einen Ausdruck der Erkenntlichkeit in dieſer Ode ſuchen. Nichts Lie⸗ bendes, nichts Gefühlvolles, nichts, das den Leſer feſſelt, findet ſich in all ſeinen Werken.

So weit hätten wir alſo die Seele des Dichters in ihren innerſten Falten erforſcht, und jedes ſeiner Gefühle, wie es in ſeinen Werken ſich zeigt, unterſucht; es fragt ſich nun, wie wir Rouſſeau als Character zu beurtheilen haben.

Unbeſtritten hat er ſich all das Unangenehme, das er in ſeinem Leben erfuhr, durch ſein unbeſonnenes Benehmen und ſeinen zweideutigen Character ¹5) zugezogen. Nach der Meinung Einiger war er falſch, neidiſch, rachſüchtig und dabei ein Schmeichler, während ihn Andere als aufrichtig, freimüthig und als dankbaren und treuen Freund und als einen von ſeinem Glauben durchdrungenen Chriſten ſchildern 1¹6).

Der Dichter hat die Form geſucht, ohne in ſeinem Herzen das Gefühl zu beſitzen, das ihr die Färbung gibt und ſie belebt; der Dichter iſt der Sklave der literariſchen Vorurtheile ſeiner Zeit geweſen, ſollte er als Mann im häuslichen Leben der Sklave ſchändlicher, ſocialer Vorur⸗ theil. geweſen, ſollte er bei ſeinen Mitmenſchen noch tiefer gefallen ſein? ¹⁷)

¹5) Uebrigens hat man mit dem ihm gemachten Vorwurf Pétrone à la ville Et David à la cour mehr eine Satire über den damaligen Zeitgeiſt, als eine Kritik über den Dichter ausgedrückt.

*6) Voltaire, anfangs einer der beſten Freunde, ſpäter aber einer der erbittertſten Feinde Rouſſeau's, ſchrieb bald nach deſſen Tode an den Sohn Saurins folgende Worte zur Rechtfertigung des Verſtorbenen. Wenn dieſelben auch den Eindruck der gegen die Rechtſchaffenheit Rouſſeau's wiederholten Angriffe nicht ver⸗ nichteten, ſo mußten ſie denſelben doch in Vielem ſchwächen.

Vous devez sentir de quel poids est le testament de mort du malheureux Rousseau! Il faut vous ouvrir mon coeur: je ne voudrais pas, moi, à ma mort, avoir à me reprocher d'avoir accusé un innocent. Je mourrais avec bien de l'amertume, si je m'étais joint, malgré ma conscience, au cris de la calomnie.

¹) Il est consolent, de pouvoir absoudre des infamies la mémoire d'un poëte célèbre qui a fait hon- neur à la France pour en rejeter le mépris sur quelque méchant obscur, quelque ami du scandale et du trouble qui se sera fait un affreux plaisir de lancer furtivement ce brandon de discorde au milieu d'hommes déjà désunis et aigris les uns contre les autres; et qui caché dans Vombre, les aura vus avec une joie in- fernale s'accuser tour-à-tour du crime commis par son bras.(Auger, Essai biographique.)