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Französische Schulgrammatik und moderner Sprachgebrauch.
Den politischen Umwälzungen, welche unser westliches Nachbarreich während der letzten hundert Jahre erschütterten, sind Wandlungen der Sprache gefolgt, welche kein aufmerksamer Beobachter leugnen wird. Wie im politischen Leben zeigt sich auch hier ein Loslösen vom Traditionellen; das alte Regime der gar zu ängstlich fortschreitenden Akademie wird durch- brochen, und jetzt am Ende des Jahrhunderts scheint der Sieg der Demokratie auch in sprachlicher Hinsicht entschieden. Neue volkstümliche Wörter und Wendungen sind ein- gedrungen und behaupten sich in der Presse und im modernen Roman; Archaismen, die in der Volkssprache lebend blieben, treten nach jahrhundertelanger Verbannung, zu welcher sie der vornehme Geschmack der Gebildeten verurteilt hatte, in der neueren Litteratur auf; denn der moderne Autor spricht die Sprache des Volks und erhebt sie damit zur Litteratursprache. Khnlich ist es mit der Grammatik gegangen. Auch hier gibt sich das Streben nach Freiheit kund, welches akademischen Regelzwang durchbricht, um in freierer Bewegung ungeahnte sprachliche Effekte zu erzielen. Auch in grammatischer Hinsicht treten Erscheinungen auf, die bei Autoren früherer Jahrhunderte festzustellen sind, die aber die Sprache des klassischen Zeitalters verdrängt hatte.
Wie verhalten sich nun die Schulgrammatiken diesem Entwicklungsgang des Französischen gegenüber? In Frankreich basieren selbst neuere Arbeiten auf diesem Gebiete meistens auf der Akademie; ähnlich verhält es sich mit unseren französischen Grammatiken, die meistens ihre Beispiele dem siebzehnten, achtzehnten Jahrhundert oder höchstens der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts entlehnen und Neueres nur aufnehmen, sofern es von der Akademie sanktioniert ist. Dieser streng konservative Standpunkt lässt sich auf die Dauer nicht halten, und es steht zu befürchten, dass bei der wachsenden Entfernung zwischen Schulgrammatik und modernem Sprachgebrauch den Schülern ein veraltetes Französisch geboten wird, dessen Engherzigkeit und Vorurteile später im Verkehr mit der fremden Nation schwer abzustreifen sind. Hier gilt es also, die Grammatik der Sprache des heutigen Lebens zu nähern. Doch darf man dabei natürlich nicht in den entgegengesetzten Fehler verfallen und Vereinzeltes, Zufälliges, Unbeständiges, das nur der Mode des Tages entspricht, als feste Regel oder stetige Erscheinung kennzeichnen. Die Aufgabe erheischt vor allem kritische Sichtung.
Auf diesem Gebiete sind schon erhebliche Schritte gethan worden. In reichem Masse und mit pädagogischem Takte hat Plattner in seiner Schulgrammatik(2. Auflage, Karls- ruhe 1887) das moderne Französisch berücksichtigt. Eine Anzahl von Abhandlungen über modernen Sprachgebrauch finden sich in den Questions de Grammaire et de Langue françaises von Robert(Amsterdam bei Brinkman), welche in der Zeitschrift f. nfrz. Sprache und Litt. (X, 2. S. 17 ff.) eine Besprechung von Rambeau erfuhren. Zu erwähnen ist ferner der


