Aufsatz 
Zur Ethik des Stoikers Zenon von Kition / von Georg Joseph Diehl
Entstehung
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als vernünftiges Wesen ohne deutliche Erkenntniss weder mit sich noch mit der Natur in Einstimmung leben kann, ist die Tugend Wissenschaft(æeιιασνην). Damit jedoch die Wissenschaft zur Herrschaft über den sinnlichen Trieb gelange, muss tugendhafte Gewöhnung hinzukommen. Nur durch beides zugleich, durch Wissenschaft und Gewöhnung kann die innere Harmonie(Gιεσ 6 G⁴⁹QO*ν˙ονμέκ) erreicht werden. ¹) So erscheint nun Vernunft und Tugend in engster Beziehung zu einander, ja Vernunft und Tugend, insofern sie auf Wissen basirt ist, sind identificirt, woraus sich ergibt, dass die Tugend durch Unterricht und Uebung etwas Erwerbliches sei, demnach als etwas Lehr- und Lernbares betrachtet werden könne, eine schon von Socrates ausgesprochene und von Zenon adoptirte Ansicht. ²)

Wir haben in der obigen Abhandlung, von der auf Grund des uns zugemessenen Raumes ungefähr der vierte Theil zum Abdruck gelangen konnte, einige Dogmen Zenons zu erörtern versucht, wobei Manches der unsicheren Grundlage wegen, von der wir ausgehen mussten und aus Mangel an vollständigen Schriften und Nachrichten der älteren Stoiker, auf blosser Muthmassung beruht. Dass demnach die Darstellung, insoweit sie Zenon betrifft, oft nur approximativ sein kann, und dabei auch Irrungen möglich sind, dürfte wohl kein Kundiger bestreiten.

¹) Diog. 89. 90.

²) Cic. acad. I, 10, 38: cumque superiores non omnem virtutem in ratione esse dicerent, sed quasdam virtutes natura aut more perfectas, hic omnes in ratione ponebat, cumque illi ea genera virtutum, quae supra dixi, sejungi posse arbitrarentur, hic nec id ullo modo fieri posse disserebat nec virtutis usum ut superiores, sed ipsum habitum per se esse praeclarum, nec tamen virtutem cuiquam adesse quin ea semper uteretur. Diog. 91. Cic. de fin. III, 15 ff. Socrates betrachtete die Gottesfurcht(uασε⁵ιρεια) als die Quelle der übrigen Tugenden und empfahl sie vor der Enthaltsamkeit(&yxòckretα), Tapferkeit(aν⁴οσεεᷣα) und Gerechtigkeit(dtαυααινν), aus denen sich wohl später die Lehre von den vier Cardinaltugenden ergeben haben mag. Xenoph. mem. II. II. Die Tugend überhaupt hielt Socrates einerseits für etwas Natürliches(Heναασιαιν), so dass sie als ein göttliches Geschenk ange- sehen werden könnte; andererseits aber auch für etwas durch Unterricht und Uebung(Mlσννσωάι εκκ άεεει) Erwerbbares, so dass sie wie jedes Wissen lehr- und lernbar sei. Xenoph. mem. II, 1. III, 9. In der Weisheit schlieslich fand er, ohne sie aber von kluger Mässigung(G⁹GοσσꝙṹΤ, ſ scharf zu unterscheiden, den Complex aller Tugenden, woraus die Glückseligkeit nothwendig hervorgehe. Xenoph. mem. I, 6.§ 10. IV, 2.§ 34. 39. III, 9. § 4. 5. IV, 5.§ 6. 7. IV, 6.§ 7.