Aufsatz 
Aus dem Leben Karls des Großen
Entstehung
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von Morgen⸗ und Abendland, wovon der Grieche Theophanes träumt, als Wahnſinn erſcheinen, und wenn Karl auch nur an den Verlauf der durch das zweite nicäaniſche Concil im Occi- dente hervorgerufenen und hauptſächlich durch ihn genährten Aufregung gegen die Griechen gedachte Gbenſo wenig aber als die angebliche Verſchmelzung beider Kaiſerreiche der Chriſten⸗ heit genützt hätte, frommte ihr der nach Irenens Sturze(802) zwiſchen Karl und Kaiſer Nice⸗ phorus ausgebrochene Krieg**ʃ) und mit Recht wurde geklagt, das alte Band der beiden Romas ſei zerbrochen; das Schwert habe die bejahrte Mutter von der ſchönen, jugendlichen griechiſchen Tochter getrennt. Erſt als König Pippin Venedig(810) erobert hatte und die dalmatiniſchen

Küſten durch die deutſche Mittelmeerflotte verwüſtete, ließ ſich Nicephorus auf ernſtliche Friedens⸗

unterhandlungen ein. Die Griechen räumten Iſtria, Liburnia und Dalmatien ¹**), mit Ausnahme der Seeſtädte, den Franken ein, und ſomit kam ein dauerhafter Frieden zu Stande. Aber der Haß gegen die ſiegreichen Lateiner wurde nur ärger; die politiſche Trennung ſchlug durch Photius in ein religiöſes Schisma um und 66 Jahre nach Karls Kaiſerkrönung war Oſtrom von Weſt⸗ rom, die griechiſch⸗katholiſche Kirche von der römiſch⸗katholiſchen für immer geſchieden**s).

Durch die von Karl ſo ſehr gewünſchte Ausſcheidung des Oſtens vermochte ſich erſt das chriſtliche Abendland, ohne Zweifel der geiſtig lebensvollſte Theil der Welt, gehörig in ſich ſelber abzurunden. Europas Völker begannen ſeit Weihnachten 800 eine große, durch die chriſt⸗ liche Liebe zuſammengehaltene Familie***³) zu bilden, an deren Spitze 2 Herrſcher ſtanden, von denen der eine die weltlichen, der andere die geiſtlichen Geſchäfte beſorgte, und welche durch ſolche zweckmäßige Theilung ihrer Arbeit, gleichweit entfernt von byzantiniſcher Eäſareopapie, wie vom arabiſchen Khalifate, gerade durch dieſen Dualismus die Einheit und die Eintracht der lateiniſchen Chriſtenheit um ſo wirkungsvoller herbeiführten. Für das damalige, noch immer in großer Gährung befindliche Europa war aber eine ſolche chriſtlich⸗germaniſche Univerſal⸗ monarchie, deren Grundzüge Karl in ſeinem Lieblingsbuche, in Auguſtinus Gottesſtaate ¹80), vorgezeichnet ſah, nicht nur das einzige dauerhafte ²⁸¹) Civiliſationsmittel, ſondern auch die einzige Rettung vor Muhammedanern, Byzantinern und den nordiſchen Freibeutern.

In dieſen großmächtigen Bruderſtaat, welcher das bisher von den Deutſchen vertretene, in ſeiner Starrheit allem Weltverkehre feindſelige Nationalitätsprincip nur als einen niedern Standpunkt gelten ließ, traten außer den Celten in der Betragne romaniſche, germaniſche und ſlaviſche Völker ein, um ſich zu verſöhnen, zu verſchmelzen*²) und zu civiliſiren, wobei freilich zu beklagen iſt, daß nicht wenige Deutſche und Slaven auf dem Wege der Gewalt zum Ein⸗ tritte bewogen ¹⁸³) wurden.

Die beiden Pole dieſer großartigen Culturbewegung waren Achen und Rom und während die ernſten, kriegeriſchen Germanen den unkräftigen, aber vielfach gebildeten römiſchen Süden

v. c. 15. 16. annal. ad 811. Idler 2, 77. 79. 1, 195. Leibnitz 271. 285. 178) Leibnitz ad an. 866 und 867. Hludwigs II. Brief an Baſilius: nec mirum si pontifices, apostatis desertis, adhaeserunt cultoribus Dei, (den Franken) cum Graecos non urbem tantum et sedem imperii, sed et gentem et linguam romanam de- seruisse constet. Durch ſeine übergroße Betonung des Nationalitätsprincips ging dann Byzanz unter. 179) Alzog 366. 405. Wilhelms III. von England Gleichgewichtstheorie, welche in jedem Nachbar nach antiker Anſicht nur einen verſteckten Feind ſiehr, iſt nur ein ſchwaches Surrogat für dieſe mittelalterige Schöpfung. 180) Ein⸗ hard vit. cp. 24. 181) Ohne den Zuſammenhang einer äußerlich ſo feſt geſtalteten Kirche würde die abend⸗ ländiſche Chriſtenheit ſich wahrſcheinlich bald aufgelöſt haben. cf. auch Leo II. 99. 182) Wie großartig die Einwirkung der chriſtlichen Civiliſation beiſpielsweiſe auf die Sachſen war, zeigt der Heliand. Villmar deutſche Alterthümer im Heltand. 183) Für die mildere Behandlung der beſiegten Heiden waren Pabſt Adrian und