Aufsatz 
Die Horazischen Oden in der Schule / von Friedrich Curschmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

leitung des Lehrers bilden soll, daß es unbedingt notwendig zum Verständnisse des Horaz und anderer ist, in großen Zügen einzelne philosophische Systeme vorzuführen, nur dagegen wende ich mich mit voller Bestimmtheit, daß diese beiden letzten Gesichtspunkte bei der Erklärung den unbedingten Vorzug haben sollen. Ich glaube, die aurea mediocritas ist auch hier am Platze. Von dieser ist aber Weißenfels weit entfernt, wenn er S. 224 sagt: Es kann jemand sich klassische Bildung erwerben, ohne daß man ihm das Geringste von den jetzt so liebevoll bevorzugten Kriegsaltertümern, z. B. von der römischen Legion, von der Truppeneinteilung, dem Marsch, Angriff, Vertheidigung, von ihren Dankfesten und Triumphen gesagt hat. Das- selbe, fährt er fort, gilt von dem ganzen Staatsrecht und dem antiken Gerichtswesen». Ich bitte doch Weißenfels zu bedenken, daß diese seine Worte schr nahe an die ungeheuerliche Behauptung heranstreifen, man kann sich klassische Bildung erwerben, ohne die lateinische und griechische Sprache zu lernen. Was ist denn der Zweck des Lesens und Übersetzens römischer Autoren? Doch wohl der, in den Geist des römischen Altertums unsere Jugend einzuführen, sein Bild in der Seele unscrer Jugend lebendig zu machen. Nun aber, was waren denn die Römer für ein Volk, auf welchem Gebiete liegt ihre Hauptthätigkeit und Größe? Die Beantwortung dieser Frage ist leicht. Sie waren für politisch-militärische, staatliche und juri- stische Thätigkeit im eminenten Sinne des Wortes begabt, und auf diesen Gebieten allein liegt ihre Hauptgröße, durch ihre großartigen Leistungen in der staatlich-militärischen Organisation haben sie die Weltherrschaft errungen, eine Herrschaft über Kulturvölker, wie sie gewaltiger an Umfang, komplizierter in der Einrichtung wohl noch nie bestanden. Das ist denn doch eine militärisch-politische Großthat, die auch Herrn Weißenfels Respekt einflößen müßte, statt ihn zu der wegwerfenden Frage zu veranlassen:«Wie viel militärische Großthaten des Alter- tums giebt es, die überhaupt genannt zu werden verdienen? Wie er aber zu der weiteren Frage kommt:«Wo finden wir einen Zeitraum im römischen Staatsleben, den wir ernstlich wünschen könnten wieder aufleben zu sehen?» ist ganz unbegreiflich. So fragt ein historisch geschulter Gelehrter? Giebt es denn nicht eine ganze Reihe von Partieen in der Geschichte, die wir ganz detailliert mit großem Eifer und mit großem Nutzen für uns und unsere Zuhörer studieren und darstellen, ohne daß wir auch nur im entferntesten den Wunsch haben, sie wieder aufleben zu sehen. Die Weißenfelsische Frage verrät eine groteske Verkennung des Nutzens, welchen das Studium nicht nur antiker Geschichte, sondern der Geschichte überhaupt bietet. Wenn nun, wie ich oben gesagt,'die Thätigkeit des römischen Volkes dem politisch- militärisch, staatlich-juristischen Gebiete ausschließlich und mit glänzendem Erfolg zugewendet war, wie kann ich da gerade in den Geist dieses Volkes einführen, wie kann ich da ein Bild dieses Volkes vor den Augen meiner Schüler entstehen lassen, wenn ich ganz flüchtig über staatliche, politische, militärische, juristische Einrichtungen weggehe, denen einzig und allein die ganze geistige Arbeit dieses großen Volkes galt, denen sie einzig und allein ihre Erfolge zu verdanken hatten,— oder wenn ich gar ganz davon schweige? Wer so handelt, entzieht den Schülern aber auch jede Möglich- keit, von dem geistigen Thun der Römer eine klare und richtige Auffassung zu gewinnen. Das will ich gar nicht fragen, wie man ohne die von Weißenfels verachtete Erklärung Cäsar, Livius, Tacitus lesen und verstehen will? Man könnte aber entgegnen, mit dem Dichter Ioraz ist es doch eine andere Sache. Sein Verständnis erfordert keine politisch-militärische, juristische Interpretation. Ja der moderne Lyriker, der in seinen Gedichten die geistige Entwicklung seines eigenen Innern, seine ganz persönlichen Leiden und Freuden widerspiegelt, kann zumeist ohne Kenntnis seiner speciellen Zeitverhältnisse nach allgemein gültigen, psychologischen Grundsätzen verständlich sein, er ist gewissermaßen Kosmopolit. Anders steht es mit dem antiken, mit dem römischen Lyriker,