Aufsatz 
Syllogismus und Induktion
Entstehung
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der Bewegung liege, daß ſie allmälig abnimmt und zuletzt von ſelbſt aufhört. Aber nachdem die entgegengeſetzte Lehre einmal feſtſtand, fingen die Mathematiker ſogleich an, dieſe dem erſten Anſchein ſo widerſprechenden Geſetze, welche ſogar nachdem ſie bewieſen waren, erſt nach Generationen dem Geiſt der wiſſenſchaftlichen Welt geläufig wurden, als unter einer demonſtrirbaren Nothwendigkeit ſtehend zu betrachten, welche ſie zwingt, ſo zu ſein, wie ſie ſind und nicht anders. Kann man ein ſchlagenderes Beiſpiel von der Ideenaſſociation anführen? Die Philoſophen finden Generationen hindurch die größte Schwierigkeit, gewiſſe Ideen zuſammenzuſtellen, am Ende gelingt es ihnen; nach einer hinreichenden Wiederholung des Prozeſſes denken ſie ſich zuerſt ein natürliches Band zwiſchen den Ideen, ſie erfahren ſodann eine zunehmende Schwierigkeit ſie von einander zu trennen und dieſe Schwierigkeit wird bei Fortſetzung deſſelben Prozeſſes zuletzt zu einer Unmöglichkeit. Wenn dies der Fortſchritt einer experimentellen Ueberzeugung iſt, die von geſtern her datirt, und die dem erſten An⸗ ſchein widerſtreitet, wie muß es mit den Ueberzeugungen ſein, welche mit den Erſcheinungen überein⸗ ſtimmen, mit denen wir ſeit dem erſten Geiſtesdämmern vertraut ſind, mit den Ueberzeugungen, an deren Folgerichtigkeit von der früheſten Erinnerung des menſchlichen Gedankens an kein Skeptiker auch nur einen Augenblick Zweifel hegte.

Wie die Geſetze der Bewegung gefunden worden ſind, ſind es nach Whewell auch die Geſſetze der chemiſchen Verbindung. Gewiß ſind dieſe letzteren durch Induction, d. h. Summation aus ihren einzelnen Beiſpielen entſtanden, auch ſagt kein deutſcher Philoſoph der Kautiſchen Schule, ſie ſeien durch Abſtraction gefunden worden. Trotzdem ſieht Whewell auch hier eine nothwendige Wahrheit. Ohne mühſame und genaue Verſuche hätten ſie gewiß niemals klar verſtanden und deshalb auch nicht aufgeſtellt werden können; und dennoch dürfen wir ſagen, daß, nachdem ſie einmal bekannt waren, ſie einen Beweis für ſich haben, der über die Erfahrung hinausgeht. Denn wie können wir uns Verbindungen anders vorſtellen als der Art und Quantität nach beſtimmt? Nach einem hef⸗ tigen Angriff von Mill, der dieſen Fall die reductio ad absurdum der Unbegreiflichkeitstheorie ge⸗ nannt hatte, ſchränkte Whewell ſeine Behauptung ein wenig ein: er ſage nicht, daß die Menſchen im Allgemeinen jetzt wahrnehmen könnten, daß das Geſetz der beſtimmten Gewichtsverhältniſſe chemi⸗ ſcher Verbindungen eine nothwendige Wahrheit ſei, aber bei künftigen Generationen könnten es viel⸗ leicht philoſophiſche Chemiker.Manche Wahrheiten kann man durch Intuition ſehen, aber dennoch kann deren Intuition eine ſeltene und ſchwierige Acquiſition ſein.

Gewiß; aber wir könnten dieſelben Fragen wiederholen, die wir oben über den Beweis durch Evidenz aufwarfen und würden bald einſehen, daß es auch hier kein anderes Kennzeichen der Wahr⸗ heit gibt als das Uebereinſtimmen aller Conſequenzen mit anerkannten Wahrheiten, daß alſo auch hier die Art der Entdeckung über den Werth der Entdeckung nicht entſcheidet.

Ein Satz iſt wahr, ſo lange er nicht widerlegt iſt. Wir mögen nach negativen Inſtanzen noch ſo fleißig geſucht haben, ohne eine zu finden, wir ſind doch nie ſicher, daß nicht plötzlich eine erſcheint. Ein einziger Fall genügt, um zu widerlegen. Wie viele aber ſind erforderlich, um zu beweiſen? In wie vielen Monaten, fragt Macaulay,*)würden die erſten menſchlichen Weſen, die ſich an den Küſten des Oceans anſiedelten, gerechtfertigt geweſen ſein, zu glauben, daß der Mond einen Einfluß auf Ebbe und Fluth habe? Nach wie vielen Experimenten würde Jenner gerechtfertigt ge⸗ weſen ſein zu glauben, daß er eine Sicherung gegen die Kinderpocken entdeckt habe? und Mill ſchreibt:Warum iſt in manchen Fällen ein einziges Beiſpiel zu einer vollſtändigen Induction hin⸗ reichend, während in anderen Fällen Myriaden übereinſtimmender Fälle, ohne eine einzige bekannte

*) Macaulay, Lord Bacon.