Aufsatz 
Die Real- oder höhere Bürgerschule und die Volkswirtschaft / von Chun
Entstehung
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Die Real⸗ oder höhere Bürgerſchule und die Volkswirthſchaft.

Ein Gärtner, ſagt Bacon, ſorgt vorſichtiger für junge als für herangewachſene Pflanzen. Mit dem was die Schulen lehren und üben verhält es ſich wie mit der Zucht eines Baumes: wollen wir den Baum zum Nutzgebrauch verwenden, ſo liegt weniger an der Wurzel; ſoll er hingegen verpflanzt werden, ſo iſt die Pflege der Wurzel zunächſt die Hauptſache. Wollen wir wachſende Wiſſenſchaften, brauchbare Kenntniſſe und nützliche Fertigkeiten unter unſerer Jugend begründen und verbreiten, ſo müſſen wir nicht die objective Mittheilung von Kenntniſſen und Wiſſensſtoff als Hauptſache anſehen und betreiben, ſondern nach Peſtalozzi's Grundſätzen, möglichſte Selbſtthätigkeit im Auffaſſen und Verarbeiten des bald von außen durch Anſchauung, bald von innen durch Begriffe bereiteten und gewiſſermaßen erzeugten Lehrſtoffes, wecken und beleben und dieſe Kraftbildung nicht blos am Einzelnen, ſondern im Bildungsſtande des ganzen Volkes zu erreichen ſtreben.

Jedes Volk und jedes Zeitalter ſtrebt nach einem eigenthümlichen Bildungsideal, jede neue Epoche in der Wiſſenſchaft und im Staatsleben wirkt auch auf das herrſchende Schulſyſtem. Realſchulen wurden zwar erſt ſeit der Mitte des vorigen Jahrhunderts geſtiftet; ihr geiſtiger Vater war aber der vorhin erwähnte Bacon von Verulam, welcher von 1561 bis 1626 als Staatsmann und Gelehrter in England lebte, unter Jacob IJ. zur Lordkanzlerwürde erhoben wurde, in ſeinem Neuen Organon die induktive Methode der wiſſenſchaftlichen Forſchung aufſtellte und damit zum Schöpfer des modernen Realismus wurde. Vor ihm beſchäftigte man ſich wohl auch mit Realſtudien; die Reformatoren, Luther und Melanchthon, hatten nachdrücklich neben dem Studium der Sprachen das der Realien empfohlen. Bekannt iſt, wie die Reformation der Kirche auch eine ſolche der Schulen zur Reife brachte. Melanchthons Einfluß auf die gelehrte Bildung iſt bis auf unſere Tage verdientermaßen gefeiert worden; neben andern Lehrbüchern entwarf er aus Ariſtoteles auch eine Phyſik:die Ungewißheit über ſo vieles in der Natur dürfe uns nicht vom Forſchen zurückſchrecken, ſei es doch Gottes Wille, daß wir in der Schöpfung ſeiner Spur folgen ſollen. Er preiſt das aſtronomiſche Studium: Philoſophen, welche die Aſtronomie verachtet, ſeien Atheiſten und Läugner der Unſterblichkeit geweſen. Der von den Reformatoren empfohlene und in den Schulen des 16. und 17. Jahrhunderts gepflegte Realis⸗ mus wird der verbale genannt; man betrieb die Naturwiſſenſchaften ohne eigene Forſchungen an und in der Natur; man lehrte, was man aus den Werken der Alten, beſonders aus Ariſtoteles, geſchöpft hatte und zum Verſtändniß dieſer Werke für nöthig fand. Dieſen Baum der Erkenntniß fand der große Bacon vor und verurtheilte ihn als einen dürren Baum, welcher keine Früchte mehr trage, zeigte ſodann in ſeiner induktiven Methode den Weg, um eine neue, fruchtbare, jugendlich lebendige Wiſſenſchaft zu ſchaffen. Die drei großen Erfindungen des Pulvers, des Compaſſes und der Buchdruckerkunſt hatten die Welt umgeſtaltet in der Wiſſenſchaft, im Kriegs⸗

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