Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 3. Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

28

sche Plastik.“ Das kann für die eigentlich historische Erzählung gelten, aber nicht für die Romanze und epische Ballade, die Gottschall auch hier einreiht, deren Wesen gerade in der Mischung des Epischen und Lyrischen besteht. Die Energie des Scheins muss, wie Vischer sagt, eine vollständige sein. Es gibt menschliche Gestalten, welche nur dem Bild- hauer, andere, welche nur dem Maler günstigen Stoff bieten. Der Dichter, der beides zugleich ist, hat die Mittel, sowohl die einen wie die anderen der entsprechenden Art der Anschauung lebendig entgegenzubringen.“

Der Dichter muss der jedesmaligen Stimmung Rechnung tragen, er muss es verstehen, ein überraschendes Localcolorit zu finden. Man vergleiche das Dämonische in Konr. Ferd. Meyers Gedicht:„Die Füße im Feuer.“

Die Gedichte mit historischem Hintergrund dienen in diesen Gat- tungen dazu, im Rahmen einer freierfundenen oder doch freigestalteten Begebenheit uns charakteristisch mächtige Gestalten der Geschichte vor Augen zu führen. Es muss dem Dichter, wie es K. F. Meyer thut, darauf ankommen: das Seelische, niemals das Außerliche zu erfassen; darum athmen bei diesem Dichter die historischen Gedichte ein so individuelles Leben, darum, sagt Milan, erscheint uns der Dichter so objectiv. Wenn in dem Gedichte„II Pensieroso“ Michelangelo, der ein Grabbild für Ju- lian von Medici anfertigen soll, den Freunden Julians, die alles bringen, was von seinem Antlitz noch Spuren gibt, antwortet:„Ich kenne seine Seele— das genügt,“ so zeigt sich die Größe der dichterischen Anschau- ung ausreichend. 3

Solche Gestalten werden in der Gestaltenballade zu Typen. So wird, wie Milan schön bemerkt, in K. F. Meyers Geschichte von der kleinen Blanche der Todesseufzer der Verlassenen zu einem typischen aller ihrer Leidesgenossinnen; so wird in dem Gedichte„Die gelöschten Kerzen“ an einer einfachen Begebenheit die zarte Beziehung, die zwischen Alter und Jugend besteht, geschildert.

Viehoff Poetik, S. 504, sagt:„Ich erkläre mir die Entstehung der Charakterbilder in dem Dichter so: Dieser unterscheidet sich von dem gewöhnlichen Menschen zunächst durch lebendigere Phantasiethätigkeit und höhere Gefühlswärme. Vorstellungen und Seelenbilder, die an dem Geistesauge des Alltagsmenschen schattenhaft, farblos, in schwankenden Umrissen vorübergehen, bilden sich zu lebensvollen, farbenfrischen, scharf umschriebenen Gestalten aus, und alle Eindrücke, welche das mensch- liche Herz bewegen, schmerzliche wie erfreuliche, prägen sich seinem Gemüthe stärker und tiefer ein. So ergreift er auch, wenn in ihm die Vorstellung eines bedeutenden Charakters, gleichviel ob durch Lebens- erfahrung, Lectüre oder Phantasiethätigkeit geweckt wird, diese Vorstel- lung kräftiger und feuriger, hält sie fester, bildet sie reicher aus, er- wärmt sich für sie mehr und mehr und fühlt zugleich einen unwider- stehlichen Drang, das, was er innerlich schaut und empfindet, auch äußerlich den Mitmenschen kundzugeben. Das Interesse, das er an einer in ihm aufdämmernden Seelengestalt nimmt, ist ein rein ästhetisches, es beruht lediglich auf dem Genusse, den ihm die innere Anschauung der- selben bietet.“„Wir erfahren die Wahrheit und wissen nicht wie,“ sagt Goethe.—

Die historische Ballade, wie sie Lingg geschaffen, hat zahlreiche Nachahmer gefunden; der Meister wurde nicht erreicht, aber die Ballade