Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 2. Teil
Entstehung
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Zur Poétik der Ballade.

II.

Wenn man die unabsehbare Reihe der unter dem Namen Balladen und Romanzen angeführten Gedichte ins Auge fasst, so zeigt sich die ganze Schwierigkeit einer Charakterisierung und Eintheilung dieser Dich- tungsart. Es ist ganz richtig, wenn Lemke sagt:Man fühlt häufig mehr das Walten der dichterischen Subjectivität, als dass es sich genau angeben ließe: es drückt sich aus in der ganzen Art, wie der Dichter die Erzäh- lung anfasst, ordnet, was er herausgreift und hervorhebt oder verschweigt.*) Balladen heißen da Gedichte, die leichte Ubergänge aus dem Liede zu einer objectiveren Gestaltung zeigen. Da gibt es streng epische Formen von der chronikartigen Erzählung bis zum farbenreichen, gedankener- füllten epischen Weltbild. Da gibt es historische Gestalten, plastisch aus- gemeißelt, und solche, die stimmungsvoll nur die Gefühle des Dichters aussprechen. Vom Lallen des Volksliedes bis zu dem das tiefste Gemüth aufregenden, kunstmäßig den Ton des Volksgesanges und der alten Bal- lade festhaltenden epischen Lied sind alle Farbenbrechungen vorhanden. Das Menschenherz hat sein poëtisches Bild in unendlich vielen Gestalten gefunden. Zum constructiven Charakter kommt noch der decorative, das Colorit in allen Abstufungen vom träumerischen Helldunkel bis zum farbensatten Gemälde. Von Dichtungen, derenkecker Wurf und klang- volle Stimmung uns tief ergreift, bis zu jenen Machwerken, die jeden beliebigen Stoff in Balladenlieder umsetzen und dabei nur die Außerlich- keiten der Ballad; aufnehmen, Papierblumen mit grellen Farben aufzei- gen, statt den echten wilden Blütenduft zu bringen ist in dieser Dichtungsart gar vieles vorhanden. Vischer bemerkt in Beziehung auf eine solche Eintheilung:Nachdem die Kunstpoésie neues echt lyrisches Leben aus der Volkspoësie geschöpft und sich dadurch verjüngt hatte, musste eine episch-lyrische Kunstpoësie möglich werden, die den echt lyrischen Ton einhält und doch in der ganzen Behandlung zeigt, dass ebenso sehr die classische Bildung auf uns eingewirkt hat, ohne aber zu der allzu lichten, glänzenden Beredsamkeit zu führen, welche einmal unlyrisch ist. Diese Art episch-lyrischer Gedichte entzieht sich am mei-

*) Aesthetik S. 535.