Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 1. Teil
Entstehung
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reichen hier eine Wirkung, die das Gemüth im Innersten bewegt. Grosse hat epische Gestaltungskraft und ist Meister der Form LAgnes,Gu- nild die Zauberin,Schön Flora). 1

Feliæ Dahn hat in seinen prächtigen Balladen aus der Nibelungen- sage herrliche Heldenbilder geschaffen. Sein Hagen ist eine echt drama- tische Gestalt. Die gespenstige BalladeLady Angus und jung Kenneth, das düster ernste Lied vonRosamunde,La Corona,Kunala bieten Farbennuancen deutschen Heldentrotzes, nordischer und südlicher Lei- denschaft. Die historischen Gestalten stehen in ihrer ganzen Größe da, bald in ihrem Wagemuthe gezeichnet, bald in ihrer Aufopferung für die höchsten Güter der Menschheit. Auch die antiken Gedichte sind voll stolzer Kraft. Wie spiegelt der Gesang der Legionen das Selbstbewusst- sein der römischen Eroberer! Ebenso ist das weltgeschichtliche Moment. in den mittelalterlichen Charakteren ausgedrückt. Man lese den Gesang der Gothen imKampf um Rom(Gebt Raum ihr Völker unserem Schritt),König Manfreds Tod,König Manfreds Grab,Die Schlacht bei Sempach,Jung Sigurd. Das alles in einer Sprache und in einem Rhythmus von einer Kraft und Prägnanz, die da zeigt, was die Balladen- dichter gelernt und wie sie das Ubernommene glänzend fort und neuge- bildet haben. Dadurch gleichen diese Arten der Balladen dem Drama, und das ist auch ihr dramatischer Nerv, dass die geschichtlichen Haupt- momente concentriert sind wie an einer angezogenen Bogensehne, die, plötzlich losgelassen, den Pfeil fliegen macht, der auch bei uns sicher trifft. Die großen Wendepunkte in scharfer Beleuchtung irgend einer histori- schen oder auch einer anderen Gestalt herauszuheben, ist der Vorzug dieser neuen Schule. Die Ballade ist kühner geworden und hat sich auf Aen Boden des Dramas begeben, wozu sie von Haus aus die Anlage

esitzt.

Annette von Droste-Hülshoff*) versteht es, in ihren Balladen den Natureinfluss auf die menschliche Seele und die Beseelung der Natur in Frobzärtigon Bildern darzustellen. Uhland sagt:Gleich anderen Befreun-

eten wird die Natur in Mittrauer gezogen, sie soll den menschlichen Kummer wiederhallen und abschatten. Im deutschen Alterthum ist das Helfen mit Klagen und Trauer bezeugt. Sage man immerhin, der Mensch verlege nur seine Stimmung in die fühllose Natur, er kann nichts in die Natur übertragen, wenn sie nicht von ihrer Seite auffordernd, selbst- thätig anregend entgegenkommt. Die That und ihr Einklang mit dem Echo in der Menschenbrust, dazu der Parallelismus in der Natur ist von unwiderstehlicher Kraft, unser Herz zu bewegen. GoethesFischer ist hier das Muster dieser Art Balladen, die man aber keineswegs, wie es Karl Jaenicke thut, als diejenigen Balladen hinzustellen braucht, die das reinste Muster dieser Gattung sind. In verschiedenen Balladen ist der geheimnisvolle Zauber der Natur in seinem Einfluss auf den Menschen mit den dieser Dichterin eigenartigen Farben und doch so geistschönen Zeichnung dargestellt. Der knappste und der treffendste Ausdruck ist ihr eigen. Der Einfluss des Mondlichtes, des Nebelwogens auf der weiten Heide, das Brüten der glühenden Mittagssonne, das Weben der Nacht, wie weiß die Dichterin hier ungesucht wie mit Naturgewalt zu wirken!

*) Leopold Jacoby:Annette von Droste Hülshoff. Vgl. die feinsinnige Analyse einer ihrer Balladen und die Charakteristik ihrer Balladen überhaupt. W. Kreiten: A. E. Freiin von Droste-Hülshoff.