Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 1. Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

53

halten, sie sind nur lebensfähig, wenn in ihnen so viel Geist und Witz spr icht, wie bei Eichrodt. Er carrikiert historische Figuren(NVarus, Dionys der Tyrann,Omar der Verbrenner). Seine große deutsche Literaturballade(Goethe und Schillers Abendspaziergang) ist ein Mei- sterwerk des Humors. Auch J. VFictor v. Scheffel und R. Baumbach ge- bieten über einen anmuthenden Humor in derlei Dichtungen.

Einer der größten epischen Lyriker ist Hermann Lingg. Hammer- ling nennt ihn in seinen Briefen an Albert Möser den Meister des stim- mungsvollen historischen Situationsbildes. Hier bekommt die Ballade eine ganz neue Gestalt, ohne doch ihr Wesen zu äncdern. Es werden uns plastische Bilder vergangener Zeiten mit der größten Unmittelbarkeit der Anschauung vor das Auge geführt, wie Lingg sagt:Wenn aber auf der grauen Vorzeit Bauten Die Sonne brennt, so dünkt es mich, es schauten Versteinerte hervor. Ich fühle mich so nah den alten Zeiten, Ich sehe nach Tirynth die Männer schreiten Und zu My- kenes Löwenthor. Diese skizzierten, verschleierten Balladen aus Mythus und Geschichte, diese Bilder und Gestalten und geschichtlichen Per- spectiven im engen Rahmen knapper Schilderung, wobei der Gedanken- kern in fein facetierter Form eingeschlossen ist, sind eine Weltgeschichte in großartigen Bildern. Dem Dichter gelingt es, die betreffende Gestalt mit ihrem ganzen individuellen Leben zu erfüllen.(Spartacus,Man- lius,Theodorich,Fastradas Ring etc.) Alles Denkwürdige und Große von Griechenland durch Rom und Byzanz, durchs Mittelalter und die Neuzeit bekommt hier einen monumentalen Ausdruck. Die historische Ballade, das historische Lied ist ein Lied, zurückdatiert in die Stimmung einer entschwundenen Zeit. Diese Stimmung zu treffen, dazu gehort nicht nur eine Fülle historischer Anschauungen, sondern auch eine Kraft der Phantasie, die sich unmittelbar in die Vergangenheit zu versetzen weiß. Gedankenreich und schwunghaft, aber auch wieder knapp und scharf ist immer die Stimmung zum Ausdruck gebracht, es ist dies das Lebens- princip jeder Dichtung, also auch der Ballade. In seinenJahresringen, Schlusssteinen ist in der AbtheilungBahnen diese historische Lyrik wieder zum glänzenden Ausdruck gekommen.Gunnar undDer Ritt Lokis sind Sagenbilder aus dem deutschen Mythus voll Stimmungsge- walt. Die Helden der alten ZeitHannibal,Der Gothenkönig Tejas, Geiserich stehen vor uns. Aber auch die erzählende Ballade beherrscht er, und selbst der chronikartigen Erzählung weiß er Reiz abzugewinnen. Er trifft auch den Ton der Volksballade(Die Marodeure) mit dem schneidenden Gegensatz der tollen Lebenslust und des Todes. Die Klippe des Allegorisierens und Symbolisierens ist eine der gefährlichsten, ebenso des Lehrhaften und Räthselhaften; letzteres ist übrigens nicht ganz ver- mieden.(Frau Jutta). Muncker bezeichnet diese Gedichte H. Linggs als Balladen mit vorzugsweise lyrischem Grundcharakter. Selbst so schwere Aufgaben gelingen ihm, Begriffe zur vollen Lebendigkeit der Anschau- ung zu bringen(Palmyra,Die Pest), überall scharfe Conturen und leuchtende Farben. Alewander Kaufmann(Der Vandalen Auszug,Ala- rich vor Athen), W. Jensen und J. Grosse sind Lingg auf diesem Wege gefolgt. W. Jensens Balladen sind oft grell, aber kräftig und knapp. Die MeisterballadeDer Marder mit den refrainartigen Wiederholungen und den geheimnisvollen Andeutungen durch das Naturbild ist ganz im Geiste der alten Volksballade, aber auf die moderne Weltlage übertragen, gedichtet. Der wunderbar gedämpfte Ton, das Halbdunkel, das über der Dichtung liegt, der Gegensatz der Ahnungslosigkeit und der Schuld er-