Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 1. Teil
Entstehung
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Der sittliche Ernst in diesen Dichtungen bewegte leichter die Gemüther der Leser als die reine Schönheit der Goetheschen Dichtung. Die Nach- ahmer der großen Dichter konnten den Ton der Ballade nicht immer auf dieser Höhe halten, weil bei aller kunstvollen Behandlung die Dichter- persönlichkeit von der Bedeutung eines Goethe und Schiller fehlte. Es war wohl endgiltig der burleske Ton der Gleimischen Weise überwunden, die Ballade hatte die Mischung des Komischen und Grässlichen verlassen und einen ernsten würdevollen Ton angenommen, aber die romantische Schule erst fand wieder den rechten Klang, den Goethe angeschlagen, die an- heimelnde Schönheit der alten Volkspoësie mit ihrer in die Seele drin- genden Kraft wurde wieder lebendig; leider blieben viele Schlacken bei dem edlen Metalle.

Nicht ohne Interesse ist es, was Ernst Schulze über die Ballade schreibt; man sieht daraus, wie sich die Dichter anfangs des Jahrhun- derts mühsam zu orientieren suchen. Vgl. Deutsche Dichtung B. VI. 2. Heft 1889Zur Charakteristik Ernst Schulzes. Schulze schreibt au Ol- bers, als ihm dieser eine Ballade in Höltys Manier zuschickt:Der Cha- rakter ist gut gehalten, mir will nur das fürchterliche Ende des Grafen und das damit verbundene abschreckende Wunderbare nicht recht gefal- len. Du kannst mir zwar den Einwurf machen, Bürgers und Höltys Bal- laden wären von derselben Art, aber dieser Beweis ist noch nicht hin- länglich. Denn einmal folgten sie dem Geschmacke der Zeiten, worin sie dichteten, und gestanden nachher selbst nach reiferem Studium der ei- gentlichen Beschaffenheit der Ballade, dass ihre Manier nicht zu befolgen wäre:Eine Ballade ist eigentlich ein durch geschmackvolle Darstellung veredeltes Volkslied(ich gebrauche nicht meine eigenen Worte, sondern die eines geschmackvollen Kritikers.) Ich glaube nun zwar nicht, dass man gezwungen ist ganz genau dieser Definition gemäß zu handeln, in- dem man auch Kinder seiner eigenen Phantasie für Balladen ausbilden kann, aber man thut besser, wenn man ihnen nach Gleims Manier ein naives, witziges oder komisches Gewand gibt.*) Will man sie gern tra- gisch haben, so muss man doch nach meinem Gefühle alles Schauder- haft-Wunderbare zu vermeiden suchen, indem dieses oft nicht den aller- besten Eindruck macht. Betrachte nur Schillers Balladen. Wie viel Ge- fühl, wie viel hinreißende Leidenschaft herrscht nicht darin, ohne dass eine einzige einen schauderhaft-wunderbaren Ausgang hätte. Sie sind aus alten Volkssagen oder bekannten Ereignissen der alten Geschichte ge- nommen, aber wie reizend sind sie eingekleidet! Jeder kennt den Stoff, und doch gibt es gewiss niemanden, welcher sie nicht mit Vergnügen

oder Entzückung läse. Dieses Muster ist gewiss zur Nachahmung zu empfehlen.

Schulze selbst versuchte seine Theorie an einer Ballade oder Romanze(er schwankt mit dem Titel)Die treue Gattin. Er fühlte richtig heraus, dass der Ballade ein weiterer Spielraum gelassen werden müsse, wie ja auch die Balladen seiner Zeit schon neue Wege einschlugen, und indem er die Nachahmung Schillers empfiehlt, hat

*) Diese Auffassung theilte auch Lichtenberg, vgl. Briefe S. 73:Herrn Amt- mann Bürgers BalladeFrau Schnips ist eine der besten, die ich in meinem Leben ge- lesen habe; so etwas darf man nicht ungedruckt lassen, das uns Allen Ehre machen kann. Die Anhänger der alten Gleimischen Romanzenschule waren zahlreich genug. Auch J. G. Jacobi gehörte dazu, vgl. Aug. SauerEinleit. zu Bürgers Gedichten LVIII.