Aufsatz 
Die erste Festwoche des Deutschen Schillerbundes in Weimar : (5.-10. Juli 1909.) / von Paul Fischer
Entstehung
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aufkommen lasse. Wohin man blickte, sah man frohe Gesichter: auf den Straßen der Stadt, in den Kaffeel.äusern, deren Besuch gestattet war, im Park, an den Orten ringsum, wo man auf Festteilnehmer traf, auf dem Theaterplatz, wo an einem schönen Morgen die ganze Festgenossenschaft am Denkmal unserer großen Dichter photographiert wurde, und vor allem im Theater selbst; nirgends aber ist mir einer aufgefallen, der die Regeln guter Sitte auch nur vorübergehend ernstlich verletzt hätte.

In unserer Begleitung nahm von Stettin aus einer der früheren Schüler unserer Anstalt, der jetzige Vorsitzende des Vereins früherer Friedrich-Wilhelms-Schüler, ein Freund und Gönner unserer Anstalt, Herr Kaufmann Otto Turack, an der Fahrt nach Weimar teil, und im Vertrauen auf die gute Sitte unserer Schüler waren wir beide von je einer Tochter begleitet, die gleich uns im Weißen Schwane wohnten. Wir hatten uns nicht getäuscht. Die Anwesenheit der beiden jungen Mädchen erhöhte den Reiz der Geselligkeitz beisunsern gemeinsamen Mahlzeiten und forderte bei den gemeinschaftlichen Ausflügen die Ritterlich- keit der Schüler heraus, die auch nach dieser Richtung sich als probehaltig bewährten und in jeder Hinsicht den besten Takt zeigten. Das Gemeinschaftsleben erwies sich überhaupt im Gegensatz zu vorherigen Warnungen allzuängstlicher Schulmänner so wenig als störend, daß es vielmehr die Festlichkeit und den Glanz der Weimarer Tage nicht unerheblich ver- mehrte. Herr Oberlehrer Golling, der bis zum März des vorigen Jahres unserem Kollegium angehört hatte und seither am Lehrerseminar in Eisleben tätig ist, erschien am zweiten Fest- tage unter uns im Weißen Schwan, gerade als wir beim Mittagsessen saßen. Der beliebte Lehrer wurde von der Jugend mit Jubel begrüßt. Er wollte einen Tag bleiben und blieb bis in den vierten Tag hinein: so gut gefiel es ihm in Weimar und unter uns. Soll man sich wundern, daß auch die Jugend der Zauber dieser Tage gefangen nahm, und daß mir immer von neuem einer nach dem anderen meiner jungen Reisegenossen, mit denen ich nament- lich an den Abenden manche gute Stunde gemeinsamen Gedankenaustausches verlebte, die freudige Versicherung gab, so schön habe er sich die Weimarer Tage vorher doch nicht denken können?

Für die jungen Leute sind die Weimarer Festspiele eingerichtet worden, und so will ich denn meine Ausführungen über die erste Festwoche mit einigen Außerungen der mich begleitenden Schüler schließen. Einer von ihnen, ein sinniger junger Mensch, drückte sich am Ende des letzten Weimarer Tages etwa folgendermaßen aus:Wir haben eine herrliche Zeit verlebt, und vielleicht ist es gut, wenn auch diesmal dafür gesorgt wurde, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen. Wäre das Wetter immer günstig gewesen und hätten wir stets Sonnenschein gehabt, so würden diese Tage zu schön gewesen sein. Nun mischte sich auch einiger Schatten in das Licht und bewahrte uns vor störendem UÜbermut. Ein zweiter, der eine Beschreibung der Reise verfaßt hat, sagt gegen das Ende seines Aufsatzes:Wir wollen nicht bloß in Worten danken für das Glück, das uns die Weimarer Tage bereitet haben, sondern wir wollen fleißig werben für den Schillerbund, damit immer wieder neuen Schülern nach uns das gleiche Glück zu teil werden könne. Und am zweiten Januar dieses Jahres kam einer meiner jungen Fahrtgenossen zu mir, der inzwischen die Reifeprüfung gemacht hat und jetzt sein Jahr abdient. Ich hatte ihn stets weit mehr für eine nüchterne als für eine sonderlich begeisterungsfähige Natur gehalten; nun aber sollte er mich gründlich be- schämen. Nach kurzem Vorgespräch sagte er plötzlich:Zugleich bin ich auch gekommen, um meinen diesjährigen Beitrag für den Schillerbund zu entrichten und überreichte mir dabei das Doppelte des Beitrages, den er im vorigen Jahre bezahlt hatte. Als ich ihm die Hälfte herausgeben wollte, rief er aus:Nein, nein, ich wünsche das Ganze zu geben; auf meine Frage, warum er dies wolle, erwiderte er kurz und schlicht:Aus Dankbarkeit. Auf meine weitere Frage aber, wofür er denn so dankbar sei, antwortete er langsam und be- stimmt:Für die unvergeßlichen Tage in Weimar; weiß ich doch wirklich nicht, ob ich je wieder eine so schöne Zeit erleben werde.

Paul Fischer.