Aufsatz 
Über den Lehrplan des Realgymnasiums
Entstehung
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durch Trigonometrie und Stereometrie ausführlicher durchzunehmen), verlangt eine aus- reichende Zeit.

Wir halten es, wie eben schon angedeutet, überhaupt beim Unterricht in der Physik für sehr richtig, eine Eintheilung in zwei Curse zu treffen, in jedem das ganze Gebiet durchzunehmen und die schwierigeren Parthien jedes Abschnittes dem zweiten Cursus aufzu- sparen, welcher dabei zugleich zur Repetition des ersten benutzt wird; denn die einzelnen Abschnitte der Physik hängen, etwa mit Ausnahme des Auftretens der Wellentheorie in verschiedenen Abschnitten, an zu wenig Punkten mit einander zusammen, als dass der Lehrstoff des einen in natürlicher Weise zu einer Repetition des anderen führen könnte, und wenn solch ein Abschnitt, z. B. die Optik oder die Wärmelehre, die Flectricitätslehre etc. in einem Jahre vollständig absolvirt, in den darauf folgenden zwei oder vier Seme- stern aber gar nicht mehr perührt wird, so werden die Schüler beim Abgang von der Schule nur eine höchst ungenigende Kenntniss davon haben. Solche Doppelcurse finden wir allerdings an mehreren Realschulen erster Ordnung; so werden z. B. im Cölnischen Real- gymnasium zu Berlin**) in Unterprima die früheren Pensa wiederholt und in Oberprima während des ganzen Sommers Uebungen aus allen Gebieten der Physik angestellt, so werden in Landsberg a. d. W. in Prima die wichtigsten Gesetze aus dem Gesammtgebiet wieder- holt***) und in Siegen in Prima die ganze Physik repetirt-). Am Realgymnasium zu Wiesbaden wird die Wiederholung in dem physikalischen Prakticum auf eine sehr instruc- tive Weise vorgenommen, indem der Verlauf physikalischer Erscheinungen wohl in keiner Weise dem Schüler anschaulicher zum Bewusstsein gebracht werden kann, als wenn er Gelegenheit erhält, dieselben durch selbstständige Experimente zum Vorschein zu bringen. Die dadurch bewirkte geringe Vermehrung der Unterrichtsstunden kann in Anbetracht des Zweckes nicht beanstandet werden, und steht auch mit den für die übrigen Realschulen massgebenden Principien ganz im Einklang, denn in den Erläuterungen zum Lehrplan der Realschulen heisst es:Der Wunsch, die eigenen Arbeiten der Schüler mehr in die Schule selbst zu verlegen, hat bisweilen Directoren bewogen, die Zahl der für einen Lehrgegen- stand bestimmten Stunden zu erhöhen und durch ausgedehntere Beschäftigung der Schüler in den zu diesem Zweck vermehrten Schulstunden die häuslichen Arbeiten zu ersparen. Sofern dieser Zweck erreicht wird und hier wird er erreicht, weil das physikalische Prakticum die sogenannten, oft in sehr nachtheiliger Weise betriebenen Vorbereitungen für das Abiturientenexamen beseitigtund keine pädagogische Bedenken entgegenstehen, ist ein solches Verfahren auch fernerhin gut zu heissen und verdient Anerkennung.

Uebrigens ergiebt sich aus dem Gesagten, dass der physikalisch-mechanische Unter- richt, wenn der Zweck der Schule erreicht werden soll, diejenige Stundenzahl bean- spruchen muss, welche ihm im Realgymnasium gewidmet ist.

*) Elberfeld 1862 und 64, Meseritz 1854, Cöln. Realgymnasium 1852, Dortmund 1862. **) Programm von 1860. ***) Programm von 1860 und 62.

) Programm von 1861.