Aufsatz 
Der Jonicus a maiore
Entstehung
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Der Jonicus a maiore.*)

Von Heinrich Butzer.

Wenn ich versuche ein Kapitel der alten Metrik an dieser Stelle zu behandeln, so könnte wohl jemand, den Charakter unserer Schule verkennend, die abweisende Frage des Bauers Strepsiades aus Aristophanes' Wolken mir entgegenhalten:»Was sollen die Rhythmen nützen mir zum Broterwerb?« Das Realgymnasium hat indes, wie wohl bekannt, die Aufgabe seinen Schülern allgemeine Bildung zu geben; es erfüllt dieselbe, wenn es neben der Einführung in die modernen Wissenschaften auch die- jenigen Bildungsstoffe vermittelt, die aus dem Altertume und nicht am wenigsten aus seinen Dichtern der Gegenwart zu Gebote stehen. In diesem Sinne hoffe ich für die vorliegende Arbeit Verständnis und Würdigung zu finden.

Der Jonicus a maiore hat neben den allgemeinen Darstellungen in den Handbüchern der Metrik eine Einzeluntersuchung bis jetzt nicht erhalten. Die»commenta grammaticorum«, die Gottfried Hermann bei diesem Maße beklagte, sind zwar zum größeren Teile einer besseren Erklärung gewichen, zum Teil aber haben sie sich nach der beutigen Kenntnis und Würdigung der metrischen Uberlieferung keineswegs als so gehaltlos erwiesen, wie früher geglaubt wurde. Vielleicht gelingt es mir zur Lösung der neu sich erhebenden Fragen in etwas beizutragen.

Die Joniker zühlen zu den sechszeitigen Füßen. Christ(Metrik d. Gr. u. R., 2. Aufl. p. 485) behauptet, daßz die alten Metriker die beiden Längen im jonischen Fufze als guten, die beiden Kürzen als schlechten Taktteil betrachtet hätten. Dies modifiziert er in seiner Darstellung dahin, daß er die erste Lünge nicht nur stärker betont als die zweite, sondern sie auch über das Zeitmaß einer zwei- zeitigen Silbe ausdrücklich hinausgehen läßt: ,Ohg. Sind ihm aber diese beiden Längen die Arsis nach dem modernen Sprachgebrauche, so erhält diesé eine übermäßigere Be- deutung, als selbst das†ενοο ϑmπναοσισον gestattet. Namentlich ist dies der Fall, wenn, wie Christ es möchte, stünde ihm nicht die Cäsur nach der 2. Länge im Wege, der Daktylus als kyklischer gemessen und dessen erste Kürze noch mit einem Teile der Arsis gebildet wird. Bei dieser Ikten- verteilung bliebe allein noch übrig im Jonicus a maiore die erste Lünge als Arsis, den Daktylus als Thesis zu betrachten. Dann aber wäre der starke Taktteil dem Umfange nach kleiner als der schwache, wofür bei den Alten sich nirgends ein Anbalt findet. Etwas Anderes ist es, wenn im Choriamb die letzte Silbe als εαν eεαν αα οemꝝς gemessen wird. Trägt, wie gewöhnlich, der vorausgehende Daktylus den Hauptton, so ist er der Schlußlänge an Umfang überlegen, bei kyklischer Messung ihr mindestens gleich; betrachtet man aber die Überlänge am Ende als guten Taktteil, so kann dieselbe in jedem Falle, ob kyklisches Maß oder nicht beliebt wird, als Vertreterin eines zweiten Daktylus gelten, da der Choriamb katalektische daktylische Dipodie ist.

Es sind demnach die Angaben der Alten, die Christ nicht beisetzt, genauer zu untersuchen.

Aristoxenus(bei Westphal gr. Rhythmik 3. Aufl. p. 159 u. 169) sagt von der sechszeitigen Größe, daß sie der daktylischen und der jambischen Taktart gemeinsam sei. Da zum gleichen Ge-

*) Die für das diesjährige Programm angekündigte Abhandlung»Uber Strabos Geographica, 2. Teil: Die Quellen im 16ten Buche« konnte verschiedener Umstände wegen nicht rechtzeitig für den Druck fertig- gestellt werden.