Aufsatz 
Über Strabos Geographica, insbesondere über Plan und Ausführung des Werkes und Strabos Stellung zu seinen Vorgängern
Entstehung
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Über Strabos Geographica,

insbesondere

über Plan und Ausführung des Werkes und Strabos Stellung zu seinen Vorgängern.

Von H. Butzer.

In der Beurteilung Strabos und seines geographischen Werkes ist in den letzten zwei Decennien eine bemerkenswerte Anderung eingetreten. Während alle Früheren, nicht nur die speciellen philo- logischen Bearbeiter desselben, sondern auch die Geographen von Fach in sein nur durch nebensächliche Ausstellungen eingeschränktes Lob einstimmten, ist man in neuerer Zeit, hauptsächlich von Strabos Stellung zu seinen Vorgängern und deren Benutzung ausgehend, ebensowenig mit bitterem Tadel sparsam gewesen. Zu schweigen von den Alteren, wie K. Ritter, der ihn den größten Geographen des Altertums nennt und seine Darstellung Italiens in ihrer Großartigkeit von keinem der Neueren erreicht sein läßt ¹), will ich hier nur auf Oskar Peschels sonst gewiß nicht zu verachtendes Urteil hinweisen. Ihn setzt»der anregende Strabo, der große Geograph, in staunende Bewunderung«; er spricht von dem hellen Glanze seines Wissens ²), von seiner Vielseitigkeit ³), seiner Umsicht ⁴¹); er erklärt ihn für den begabtesten Erdbeschreiber des Altertums ⁵5), dem selbst seine Irrtümer zur Zierde gereichen müssten⁰). Auch Forbiger, der Bearbeiter der alten Geographie, rühmt u. a. an Strabo, daß er des überreichen Stoffes völlig Herr und Meister sei und daß man seine Gelehrsamkeit und seinen Scharfsinn bewun- dernd auerkennen müsse.)

Ganz anders Müllenhoff.8) Ihm ist der von den andern so hoch Erhobene vielmehr»un- wissend und dreist«...»ein mann von so stumpfen, ja groben sinnen, so kurzem verstande, ge- ringer verschmitztheit und mäßigem wissen«...»ein arger tölpel«...»der steife stoiker.« Nach ihm entspringt die Sicherheit und Entschiedenheit, mit der Strabo fortwährend auftrete, nur seiner großen geistigen Beschränktheit. ³)

Ebensowenig wie jenes überschwengliche Lob ist dieser maßlose Tadel meiner Ansicht nach gerechtfertigt. Jenes ist, wie bei Peschel, auf einzelne Sätze gegründet, die aus dem großen Werke heraus- genommen sind, oder es ist von den Vorgängern überkommen; aber auch Müllenhoffs Vorwürfe sind nur durch die Art und Weise verursacht, wie Strabo die Nachrichten des Forschungsreisenden Pytheas

¹) Geschichte der Erdkunde und der Entdeckungen. Herausgegeben von H. A. Daniel, Berlin 1880.

S. 99 und 118. ²) Geschichte der Erdkunde, München 1865. S. 70.) A. a. O. S. 59.) S. 7.) S. 40.) 8. 68. ) Handbuch der alten Geographie, I. S. 308. ³) Deutsche Altertumskunde, I. S. 314 f.*) A. a. O. S. 316.