Aufsatz 
a) Rede zur Feier des hundertjährigen Geburtstages Schillers. b) Rede zur Feier des 100jährigen Todestages des Grafen von Zinzendorf
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6 Freiheit bringend von dem auswärtigen Eroberer. In Wilhelm Tell iſt es ein ein⸗ faches, frommes Hirtenvolk, das unwürdigem Zwange und gewaltſamer Unterdrückung gegenüber aufſteht, althergebrachte Sitte und wohl verſichertes Recht zu ſchützen, des Fremden nicht begierig und noch im Zorne die Menſchheit ehrend. Immer würdiger und edler wird die Freiheitsidee Schillers, und wenn er das Wort des Herrn:Wen der Sohn frei macht, der iſt recht frei, nicht in ſeiner ganzen Tiefe erkannte, ſo hat er ſich ihm genähert. Freiheit iſt dem Dichter auf dem höchſten und letzten Gipfel ſeiner Enkwickelung ſittliche Freiheit, die ſelbſtſtändige Herrſchaft des Geiſtes und des ſittlichen Wollens, das Thun des Geſetzes aus freier Neigung. Nehmt das Göttliche auf in euer Wollen und ihr ſeid frei Nehmt die Gottheit auf in euren Willen, Und ſie ſteigt von ihrem Weltenthrone. Des Geſetzes ſtrenge Feſſel bindet

Nur den Sllavenſinn, der es verſchmäht;

Mit des Menſchen Widerſtand verſchwindet

Auch des Gottes Majeſttt.

Und dieſer Freiheitsidee hat das Leben des Dichters, den wir als treuen Gatten, als liebenden Vater in einer Häuslichkeit, die ihm über Alles werth war, wie⸗ der finden, nicht widerſprochen. Das Hohe und Edle, ſchon in die Form ſeines Antlitzes geprägt, ging immer ſieghafter als Grundton durch ſein ganzes Weſen.

Und hinter ihm im weſenloſen Scheine Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.

Was aber Schiller als Dichter reiner, ſchöner Idealität gewirkt, wie er in trüber, ſchmachvoller Zeit ein faſt verzagendes Geſchlecht gehoben, getröſtet, gekräftigt hat, davon muß man Zeitgenoſſen erzählen hören. Schillers Dichtungen wurden freudig begrüßt, weil ſie diejenigen Ideen poetiſch verklärten, welche damals die Welt erfüllten, deren Verwirklichung aber von Tag zu Tag unwahrſcheinlicher erſchien. Aus dem Leben verdrängt, flüchteten ſie ins Reich der Poeſie; von den Schlacken der gemeinen Wirklichkeit befreit drangen ſie um ſo lebendiger und tiefer ins Herz, und ſo erſchien Schiller als der Verkündiger einer neuen, ſchönen Zeit, er erfüllte die Gemüther mit Hoffnung und mit Muth, ſowohl die Leiden der Gegenwart zu ertragen, als auch ſich auf eine beſſere Zukunft vorzubereiten. Seine Dichtungen ſtärkten und ſtählten deutſche Männer und Jünglinge, Alles zu wagen und Alles zu dulden, die Ketten zu ſprengen, womit Bonaparte und ſeine Schergen das deutſche