— 14—
Dank von den Menſchen, wenn man ihr innres Bedürfnis erhöhen, ihnen eine große Idee von ihnen ſelbſt geben, ihnen das Herrliche eines wahren edlen Daſeins zu Gefühl bringen will. Aber wenn man die Vögel belügt, Märchen erzählt, von Tag zu Tag ihnen forthelfend ſie verſchlechtert, da iſt man ihr Mann, und darum gefällt ſich die neuere Zeit in ſoviel Abgeſchmacktem. Ich ſage das nicht, um meine Freunde herunterzuſetzen; ich ſage nur, daß ſie ſo ſind, und daß man ſich nicht verwundern muß, wenn Alles iſt, wie es iſt.“ ¹)
So werden wenigſtens zum Teil die Worte verſtändlich, die Goethe im Jahre 1820 über die geplante Fortſetzung des Fauſt an einen jungen Freund ſchrieb:„Es giebt noch manche herrliche, reale und phantaſtiſche Irrthümer auf Erden, in welchen der arme Menſch ſich edler, würdiger, höher, als im erſten gemeinen Theile geſchieht, verlieren dürfte. Durch dieſe ſollte unſer Freund Fauſt ſich auch durchwürgen. In der Einſamkeit der Jugend hätte ichs aus Ahnung geleiſtet, am hellen Tage der Welt ſäh' es wie ein Pasquill aus.“*) Einer von den herrlichen Irrtümern, durch die ſich Fauſt durchwürgt, iſt ſein Glaube, am Kaiſerhof etwas Rühmliches erreichen zu können.
Aber die Darlegung ſeines Abenteuers, wie ſie hier verſucht worden iſt, erſchöpft den Gehalt der Dichtung keineswegs. Denn was Fauſt am Hofe erlebt, iſt ein„eminenter Fall“, der typiſch iſt für tauſend andere und an ſie erinnert. Goethe nannte eine ſolche Darſtellung, wo durch das Beſondere ein Allgemeines ausgedrückt wird, ſymboliſch.“) Symboliſche Bedeutſamkeit in dieſem Sinne verlangte Schiller von der Fauſtdichtung ausdrücklich. Bei den Verhandlungen über die Vollendung des Werkes ſchrieb er an Goethe, die Anforderungen an den Fauſt feien zugleich philoſophiſch und poetiſch. Weil die Fabel ins Grelle und Formloſe gehe, ſo wolle man nicht bei dem Gegenſtande ſtille ſtehen, ſondern von ihm zu Ideen geleitet werden.)
Auf die Idee, die ſich in Fauſts Abenteuer am Kaiſerhofe ſpiegelt, weiſt Goethe in dem erſten Paralipomenon, wo er den Gedankengang der Dichtung kurz ſkizziert, deutlich hin. Während hier Fauſts Zuſtand am Schluſſe des Dramas bezeichnet wird mit den Worten„Schöpfungsgenuß von innen“, heißt es von dem Anfang des zweiten Teiles„Thatengenuß nach außen“. Darunter ſind alle Verſuche be⸗ griffen, die der Menſch macht, um auf andere zu wirken, in der Hoffnung durch die Gegenwirkung der Anderen belohnt zu werden. Solange er ſeine Hoffnungen auf das ſetzt, was andere von ſeinem Wirken halten oder was es anderen nützt, bleibt er den Enttäuſchungen preisgegeben, und je höher er geſinnt iſt, deſto zahlreicher und bitterer müſſen dieſe Enttäuſchungen ausfallen. Wohl ihm, wenn auf dieſem Wege nichts Schlimmeres in ihm lebendig wird als die wehmütige Reſignation, mit der Fauſt in einem Paralipomenon(112) auf ſeine Bemühungen am Kaiſerhof zurückblickt:
„Irrthum du biſt gar zu ſchön Könnt ich dich nur wieder finden.“
Wie das Thema von dem Widerſtand der ſtumpfen Welt gegen den Einzelnen, Hochgeſinnten in die Fauſtdichtung hineinpaßt, und wie das Spiel, das Mephiſto am Kaiſerhofe ſpielt, ſich verhält zu dem
¹) Italieniſche Reiſe 1786 19. Sept. Der Ausdruck„Vögel belügen“ erklärt ſich aus Treufreunds Rolle in dem Luſtſpiel„Die Vögel“.
²) An Schubarth 3. Nov. 1820, Pniower 331.„Gemein“ hat in dieſem Brief, wie ſo oft bei Goethe, den Sinn von„alltäglich“.
³) Vgl. Werke 49 I, S. 142.
⁴) An Goethe 22. Juni 1797.


