Aufsatz 
Goethes Faust am Hofe des Kaisers
Entstehung
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5 Fauſt.

Auch diesmal imponirt mir nicht

Die tiefe Wuth mit der du gern zerſtöhrteſt,

Dein Tigerblick, dein mächtiges Geſicht.

So höre denn wenn du es niemals hörteſt:

Die Menſchheit hat ein fein Gehör,

Ein reines Wort erreget ſchöne Thaten.

Der Menſch fühlt ſein Bedürfnis nur zu ſehr

Und läßt ſich gern im Ernſte raten.

Mit dieſer Ausſicht trenn ich mich von dir,

Bin bald und triumphirend wieder hier. Mephiſt.:

So gehe denn mit deinen ſchönen Gaben!

Mich freuts wenn ſich ein Thor um andre Thoren quält.

Denn Rath denkt jeglicher genug bey ſich zu haben,

Geld fühlt er eher wenns ihm fehlt.

Als Goethe dieſe Verſe entwarf, hatte er wohl vor, Fauſts entſcheidendes Geſpräch mit dem Kaiſer hinter die Szene zu verlegen. Seine Enttäuſchung konnte dann in einem ſpäteren Dialog mit Mephiſto, der durch Fauſts letzte Worte ſchon vorbereitet wird, bequem zur Darſtellung gebracht werden.) Aber daneben beſchäftigte den Dichter der Gedanke, der Schwierigkeit nicht auszuweichen, ſondern Fauſts für den Kaiſer beſtimmten Ratſchlägen eine Form zu geben, die ſie aus dem Gebiet der Rhetorik in das der Poeſie erhebe. Erhalten iſt ein ſehr flüchtiger und oft unverſtändlicher Entwurf einer Proſa⸗ ſzene(Paralipomenon 65), worin Fauſt und Mephiſto vor dem Kaiſer die Geiſter tüchtiger Regenten erſcheinen laſſen. Die zitierten Geſpenſter äußern edle Geſinnungen, die nach einer Bemerkung des an⸗ weſenden Biſchofs an die Selbſtgeſpräche des Mark Aurel erinnern. Fauſt verfährt alſo hier wie der Zauberer Prospero in Shakeſpeares Sturm(IV 1), der den für ein junges Paar beſtimmten Lehren und Wünſchen dadurch beſonderen Nachdruck verleiht, daß er ſie von ſeinen Geiſtern ausſprechen läßt, die als Iris, Juno, Ceres und Nymphen auftreten. Wie Prospero kann auch Fauſt ſagen: Geiſter, die mein Wiſſen Aus ihrem Reiche rief, um vorzuſtellen Was mir gefällt. Fauſts ſo hübſch eingekleidete Weisheit verfehlt aber die gewünſchte Wirkung auf des Kaiſers Majeſtät durchaus. Der Marſchall macht ihn darauf aufmerkſam, daß der Kaiſer während der Aufführung ſachte eingeſchlafen ſei:Redet nicht ſo laut der Kaiſer ſchläft Ihre Majeſtät ſcheinen nicht wol. Hier iſt der Einfluß der oben erwähnten Wielandſchen Erzählung von dem Philoſophen Daniſchmend beſonders deutlich.

II.

Staatsrat und Mummenſchanz.

Zwiſchen dem Kaiſer der Fauſtdichtung und dem Kaiſer der Entwürfe beſteht eine unverkenn⸗ bare Aehnlichkeit. Als eine oberflächliche Natur war er für den Dichter anch bei der Vollendung des

¹) Vgl. Morris, Goetheſtudien II 124 f.