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Der junge Goethe hatte an dieſem ſäuerlichen Spaß ein beſonderes Wohlgefallen. Er hebt ihn in den„Frankfurter gelehrten Anzeigen“ bei der Beſprechung des Romans(1772) ausdrücklich hervor, ja er plante ſogar, dieſes Motiv für die Fauſtdichtung zu verwenden. Fauſt ſollte am Kaiſerhof eine ähnliche Erfahrung machen wie der Philoſoph Daniſchmend beim Sultan. Nach einer Erzählung des Dichters hatte er einmal folgende Szene im Sinne: Mephiſto beſtimmt Fauſt, bei dem Kaiſer um eine Audienz nachzuſuchen.„Beide gehen ins Audienzzimmer und werden auch wirklich vorgelaſſen. Fauſt ſeinerſeits, um ſich dieſer Gnade wert zu machen, nimmt Alles, was irgend von Geiſt und Kenntnis in ſeinem Kopfe iſt, zuſammen und ſpricht von den erhabenſten Gegenſtänden. Sein Feuer indeſſen wärmt nur ihn; den Kaiſer ſelbſt läßt es kalt. Er gähnt einmal über das andere und ſteht ſogar auf dem Punkte, die ganze Unterhaltung abzubrechen. Dies wird Mephiſtopheles noch zur rechten Zeit gewahr und kommt dem armen Fauſt verſprochenermaßen zu Hülfe. Er nimmt zu dem Ende deſſen Geſtalt an...... Nun ſetzt er das Geſpräch genau da fort, wo Fauſt geendigt hatte; nur mit einem ganz andern und weit glänzendern Erfolge. Er raiſonniert nämlich, ſchwadroniert und radotiert ſo links und rechts, ſo kreuz und quer, ſo in die Welt hinein und aus der Welt heraus, daß der Kaiſer vor Erſtaunen ganz außer ſich geräth und die umſtehenden Herren von ſeinem Hofe verſichert, das ſei ein grundgelehrter Mann, dem möchte er wohl tage⸗ und wochenlang zuhören, ohne jemals müde zu werden.......... Er als Kaiſer müſſe bekennen, einen ſolchen Schatz von Gedanken, Menſchen⸗ kenntnis und tiefen Erfahrungen nie in einer Perſon, ſelbſt nicht bei dem weiſeſten von ſeinen Näthen, vereinigt gefunden zu haben.“ ¹)
Alſo Fauſt erlebt hier mit ſeinem ehrlichen Idealismus eine gründliche Enttäuſchung, Mephiſto weiß beſſer, wie man reden muß, um in der Welt etwas zu gelten. In etwas anderer Geſtalt zeigt denſelben Gedanken die Skizze, die Goethe am 20. Dezember 1816 diktierte, um bei der Schilderung der Frankfurter Zeit in„Dichtung und Wahrheit“ klarzulegen, wie er ſich als Jüngling die Fortſetzung des „Fauſt“ gedacht habe. Auch hier lockt Mephiſto ſeinen Genoſſen an den Hof.„Fauſt wird angemeldet und gnädig aufgenommen. Die Fragen des Kaiſers beziehen ſich alle auf irdiſche Hinderniſſe, wie ſie durch Zauberei zu beſeitigen. Fauſts Antworten deuten auf höhere Forderungen und höhere Mittel. Der Kaiſer verſteht ihn nicht, der Hofmann noch weniger. Das Geſpräch verwirrt ſich, ſtockt, und Fauſt, verlegen, ſieht ſich nach Mephiſtopheles um, welcher ſogleich hinter ihn tritt und in ſeinem Namen ant⸗ wortet. Nun belebt ſich das Geſpräch, mehrere Perſonen treten näher, und jedermann iſt zufrieden mit dem wundervollen Gaſt.“*)
Die Ausführung der geplanten Audienzſzene bereitete dem Dichter große Schwierigkeit. Fauſt hätte vor dem Kaiſer reden müſſen wie Marquis Poſa vor dem König Philipp. Solche rhetoriſche Er⸗ güſſe entſprachen nicht der Weiſe des Dichters. Auf einen Verſuch, der Schwierigkeit auszuweichen, deutet das Paralipomenon 68, ein Geſpräch zwiſchen Fauſt und Mephiſto, worin Mephiſto eventuellen Be⸗ mühungen um den Kaiſer einen gründlichen Mißerfolg prophezeit:
„Geh' hin verſuche nur dein Glück!
Und haſt du dich recht durch geheuchelt,
So komme matt und lahm zurück.
Der Menſch vernimmt nur was ihm ſchmeichelt. Sprich mit dem Frommen von der Tugend Lohn, Mit Irion ſprich von der Wolke,
Mit Königen vom Anſehn der Perſon, Von Freyheit und von Gleichheit mit dem Volke!
*) Nach einer Erzählung Goethes berichtet von Falk(Pniower 316= Gräf 1188). ²) Paralipom. 63, vgl. 100.


