Aufsatz 
Ueber den Aias des Sophokles / von Wilhelm Büchner
Entstehung
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En Drama soll ein abgeschlossenes Ganze sein. Die der vorgeführten Handlung vorausliegenden Thatsachen müssen, soweit sie von Wichtigkeit sind, unmerklich und doch mit voller Klarheit vor uns treten, und andrerseits darf das Stück nicht enden, ohne dass alle eingeführten Motive ihre Erledigung erfahren haben. DerXias des Sophokles entspricht keiner dieser Anforderungen: wir bekommen kein klares Bild von dem Streit um die Küs- tung des AXchilleus, auf dem das ganze Stück aufgebaut ist, und ferner wird durch den Fluch, den Xias über die Atriden und das ganze eer ausspricht, und der von Teukros hinsichtlich der Atriden hart am Schlusse des Dramas noch einmal wiederholt wird, eine Spannung er- regt, die im Stück nicht gelöst wird.

Die unter diesen Imständen nahe liegende und eine Zeit lang vielfach erôrterte Vermu- tung, derXias sei das Glied einer Trilogie gewesen, hat keinen Anklang gefunden. Nit Recht. denn da unter den verlorenen Dramen des Sophokles sich zwar einTeukros und ein Eurysakes befanden, aber keinWaffengericht, so müsste man denXias als das An- fangsstück der Trilogie betrachten. Es ist aber klar, dass so nur ein Teil der geltend ge- machten Bedenken beseitigt wird; ja bei einer die grösste Xusführlichkeit gestattenden Tri- logie wäre das Schweigen über den Waffenstreit erst recht unerklärlich. Dazu kommt, dass in unserem Stück das spätere Schicksal des Teukros nicht blos angedeutet, sondern ziemlich ausführlich geschildert wird. Die Verse 1008 1019, in denen sich Teukros seine Zukunft ausmalt, anticipiren ziemlich Alles, was imTeukros geschildert werden konnte. Man kann diese Prophezeiung, die zu streichen bare Willkür sein würde, geradezu als Beweis dafür betrachten, dass derTeukros nicht an denNias anschloss:).

Dies Stück soll also ein Ganzes sein, und für die Xthener war es das auch. Der Stoff war in beliebten epischen Gedichten behandelt: wie der Waffenstreit verlaufen war und wie die Flüche in Erfüllung gingen, brauchte der Dichter seinen Zuhérern nicht auseinanderzusetzen. Auch andere seiner Werke setzen die genaue Kenntnis der Heldensage voraus: imOdipus Tyran- nos Z. B. vermisst der Moderne die Begründung des göttlichen Spruches, der dem LLaios den Umgang mit seiner Gattin verbot, er fragt am Schluss: Was wird aus Odipus?

Für das Verständnis desNias ist notwendige Voraussetzung, dass uns die Vor- geschichte ebenso deutlich geworden ist, als sie es den Xthenern war. Diese der Interpre- tation an erster Stelle erwachsende Aufgabe scheint mir in den zahlreichen, dem Drama ge- widmeten Arbeiten noch nicht genügend gewürdigt, geschweige gelöst zu sein.

1) Ich kann also Kviçala nicht beistimmen, der in seiner Polemik gegen die Annahme einer trilogischen Com- position die Aufführung der drei Stücke an einem Tag doch für möglich erklärt hat(Z. f. 6. G. 1870 p. 677 ff.). Auf die analoge Verwendung prophetischer Worte in GöthesPandora undTasso bin ich Zeitschr. f. deutsch. Unter- richt 1893 und Göthe-Jahrbuch 1894 zu sprechen gekommen. Man denke auch anEgmont.