Aufsatz 
Die Antikensammlungen des Großherzoglichen Museums in Darmstadt / Ludwig Buchhold
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Die Gipsabgüsse. 119

blick ist man versucht, das Werk für ein einfaches Genrebild, eine reine Idylle zu erklären und auf eine Stufe zu stellen mit dem«Knaben mit der Gans»(Kl. S.), und in der That hat man beide Werke auf den Bildhauer Boëthos von Kal- chedon(Alexandr. Epoche) zurückführen wollen.(Overbeck, Schlie.) Allein es sprechen gewichtige Gründe für eine frühere Entstehungszeit und eine tiefere Bedeutung. Einmal weist der Stil, der sich von dem des«Knaben mit der Gans» er- heblich unterscheidet, auf eine frühere Zeit hin. An den archaischen Stil cerinnern das streng behandelte Haar, das massige Kinn und die mageren Formen des Körpers, wogegen die Durchbildung des Nackten bereits einen hohen Grad von Naturwahrheit bekundet. So ist die Statue das Produkt einer Kunst, welche der freien Entwickelung nahe steht, aber sich noch nicht vollständig von den Überlieferungen des archaischen Stils emanzipiert hat». Dies ist aber die Zeit des 5. Jahr- hunderts, eine Zeit, in der die Kunst sich mit der Dar- stellung rein genrehafter Situationen noch nicht befaßte. So- dann«ist die Figur mit höchster Objektivität ohne alle Rück- sicht auf den Betrachtenden dargestellt», so daß«der Betrachter keinen Augenpunkt findet, von dem aus der Gesamtumriß der Figur rhythmisch geschlossen erscheint.“(Nach Friederichs- und Helbig.) Die Rücksicht auf den Beschauer wäre aber doch für ein Genrebild die erste nicht zu umgehende Voraus- setzung. Daher ist anzunehmen, daß das Werk einem be- sonderen Anlaß seine Entstehung verdankt. Man hat ver- mutet, es sei ein Knabe, der im Wettlauf sich einen Dorn in den Fuß getreten und trotzdem gesiegt habe, oder eine Darstellung aus der Gründungssage irgend einer Stadt, wie von Lokros erzäühlt wurde, daß ihm die Verletzung durch einen Dorn nach Orakelspruch die Stätte anzeigte, wo er eine Nieder- lassung gründen sollte.“(Wolters.) Die Statue wird also wohl ein Weihgeschenk für ein Heiligtum gewesen sein.

Baum. D. p. 350. Bouillon II, Taf. 19. Brunn D. 321. Burckh. 137, c, d. De R. Racc. Taf. 23. Friederichs-W. Nr. 215. Furtw. Meisterw. 685, dazu Anm. 2 über den hiesigen Broncekopf(sog. Nero). Helbig I, Nr. 611. Mus. franç. IV, 64. Overbeck II, 182. Overbeck A. S. Nr. 66. Perr. Abb. 7. Piran. Taf. 31. Pir. Mus. Nap. IV, 24.

Racc. Sta. Camp. II, 127. Schlie p. 195. Welcker A. K. B. p. 45, Nr. 39./