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wird, möchten wir freilich mehr dem anziehen- den Stoffe, als der Behandlung, die er von Seiten Koreffs erfahren, vindiciren.
Was die Aenderungen betrifft, die der Verfasser vorgenommen, so haben wir folgende zu verzeichnen. Graf Bongars residirt nicht in Beaucaire, sondern in Valence, Garins wird umgekehrt als Graf von Beaucaire bezeichnet. — Nicoleten wird von Bongars die Wahl ge- lassen, entweder einen andern zu heiraten, oder in ein Burgverlies geworfen zu werden, wo sie nicht Sonne noch Mond sehe; da sie erklärt, nicht von Aucassin lassen zu wollen, so erlei- det sie das letztere. Aber sie entkommt diesem strengen Gewahrsam, indem sie mit Hülfe einer Feile die Gitterstäbe des Turmfensters durch- bricht. Zufällig sitzt Aucassin in dem Turm ge- genüber gefangen. Sie kennt ihn nicht wie in dem Original an seinen Klagen, sondern an dem Gesange des Liedes: Wenn ich ein Vöglein wär', etc. Sie übermittelt ihm darauf die Feile, und er versucht gleichfalls mit deren Hülfe die Gitterstäbe seines Gefängnisses zu durchfeilen, doch vergebens. Denn Nicoletens Flucht ist inzwischen entdeckt worden, und die Verfolgung beginnt.— Im II. Akt spie- len die Hirten, denen auch hier die obli- gaten Hirtinnen nicht fehlen, eine in's unerträg- lich Langweilige ausgesponnene Rolle. Endlich finden sich die beiden Liebenden im Walde zusammen. Diesmal findet das Wiedersehen in einer Felsgrotte statt, aus der Blumenlaube aber ist ein Kranz geworden, den Nicolete dem Geliebten hingelegt hat um ihn auf ihre Spur zu leiten. Da er der Blumensprache kundig ist, so ist es ihm ein Leichtes, den Kranz wie einen Brief abzulesen. Dann erscheint die Ge- liebte selbst. Endlich, als sie den Wald ver- lassen wollen, erblicken sie auf dem Meere einige Fahrzeuge und winken diese herbei. Aber es sind sarazenische Corsaren darin, die jetzt an's Land steigen und beide, Aucassin erst nach verzweifeltem Kampfe, überwältigen und fortführen. Damit schliesst der II. Akt.—
Das Personenverzeichnis ist ausserordentlich reichhaltig. Da sind zwei Troubadours, Me- nestrels, ein Astrolog, ein Kislar Aga, ein Chor der Sarazenen, ein Chor der Circassierinnen u. s. w., kurz alles was zu den Requisiten ei- ner modernen Oper gehört.
Die Sprache dagegen ist oft hölzern und steif, oft geradezu trivial; so wenn Nicolete ihre Feile anredet:
Wie kannst du, liebe Feile, nur so schrein? oder wenn sie auf Aucassins Worte:
Wie ist das kühne Wagstück dir gelungen? antwortet:
Durch eine Feile, die mein Wächter gab. Geradezu unschön aber ist es, wenn Graf Bon- gars zu Nicoleten sagt:
Noch heute vor den Altar trete,
Du meiner Freude Todes-Wurm! etc.
Es bleibt noch hinzuzufügen, dass dem Taschenkalender zwei IIlustrationen zur Oper beigegeben sind; die eine stellt den Auszug Aucassins zum Kampfe, die andere das Wieder- sehen der Liebenden in der Felsengrotte dar. Beide sind von geringem Werte.
Alle die genannten Nachdichtungen lassen sich, je nach der Fassung, die sie zu Grunde legten, in drei Classen sondern. Erstens: sie kannten und benutzten das Original(Sainte- Palaye; Bida; O. L. B. Wolff; W. Hertz; Fauriel; Vaublanc).— Zweitens: sie bearbei- teten Sainte-Palaye's Nachdichtung(Le Grand d'Aussy; M. J. Sédaine; v. Bülow; Koreff und wahrscheinlich auch Mlle de Lubert.— Drittens: sie legten die von Le Grand d'Aussy gegebene Erzühlung zu Grunde(Feudal Peri- od; Fabliaux choisis; Choix de Fabliaux).— Nach den Fabliaux choisis endlich dichtete Platen.
Jedenfalls ist es nicht wenig schmeichel- haft für den Dichter des Aucassin, dass unter den zahlreichen Bearbeitern und Uebersetzern ihn nur einer zu erreichen, keiner zu über- treffen vermocht hat.
HUGO BRUNNER.


