Aufsatz 
Zur Geschichte und Literatur der Samaritaner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Seitdem Sacharja, der fünfte König aus dem Hauſe Jehu, den Thron des israelitiſchen Reiches beſtiegen hatte, begann daſelbſt die allgemeine Zerriſſenheit und Auflöſung, welche durch unabläſſige Parteizwiſte nach innen und abſchwächende Kämpfe nach außen hervorgerufen, ſchon lange das Leben des Staates unterwühlt hatte, in den verderblichſten Folgen hervorzubrechen.

Wenn wir aus den Schilderungen der Propheten, die mit wehmüthigem Herzen die Ge⸗ brechen ihrer Zeit empfunden und mit ſinnreicher Rede ſie blosgelegt und gegeißelt haben, uns ein Bild von den Zuſtänden entwerfen wollten, wie ſie in dem Zehnſtämmereiche von da ab bis zur Vernichtung deſſelben ſich entwickelten, ſo würde dieſes in der That nur lauter düſtere Züge bieten.

Der bürgerliche Gemeingeiſt, welcher den Organismus eines Staates belebt und zuſammen⸗ hält, ſchwand allmälig dahin, Verrath und Bosheit trugen das Gift der Auflöſung immer weiter und tiefer durch alle Kreiſe des Volkes. Aus dem ſich zuſehends ſteigernden religiöſen und ſitt⸗ lichen Verfalle, herbeigeführt durch den Götzencultus des Baal und der Aſtarte, erzeugte ſich die heilloſeſte Verkehrtheit im Familien⸗ und Staatsleben; Unordnung herrſchte in den geſellſchaft⸗ lichen Einrichtungen, Unſicherheit im öffentlichen Verkehre, Recht und Herkommen wurden mit Füßen getreten, Meineid, Mord, Liſt und Lug nahmen überhand, die Habſucht und Ueppigkeit der Vornehmen rieb die Kräfte des Volkes auf, die königliche Macht verlor immer mehr an Anſehen und Bedeutung, das Schwert bahnte den Weg zum Throne, und der Mörder des Königs wurde gewöhnlich auch ſein Nachfolger.

Umſonſt erhoben die Propheten, das nimmer raſtende Gewiſſen des Volkes, ihre Donner⸗ ſtimme, als ſie Israel auf dem Gipfel ſeiner Entartung und am Rande ſeines Verderbens ſahen. Ihre Worte, die dem Sturme gleich einherbrauſten und wie zuckende Blitze die Finſterniß durch⸗ riſſen, waren nicht im Stande dem Untergange Einhalt zu thun, der durch die inneren Schäden nur deſto ſchneller und ſicherer hereinbrechen ſollte.

Für die Reiche Vorderaſiens und namentlich für Israel waren damals Zeiten ſchwerer Prüfung gekommen, vom Norden aus den Euphrat⸗ und Tigrisländern und vom Süden aus Aegypten her, denn dieſe beiden kühnſtrebenden Mächte richteten ihre gierigen Blicke und ihre gewaltigen Arme nach den geſegneten Ländern zwiſchen dem Euphrat und dem Mittelmeere. Israel konnte nur dadurch eine leidige Exiſtenz behaupten und den unvermeidlichen Untergang um ein Weniges hinausſchieben, daß es ſich je nach dem augenblicklich gebotenen Vortheile, bald an

dieſe, bald an jene Großmacht lehnte und anſchloß. 1 1