35
Schusteriungenton, sie waren ebenso untrügliche Wegweiser, wenn man sich in dem von 3000 Jungen be- legten Massenquartier in der Kaserne zu seinen Landsleuten zurechtfinden wollte, wie der Kasselaner sich nicht verleugnen konnte und das Frankforter Gebabbel einen nicht im Stich ließ.— Und dann gab es da noch 80 manches Jdiom: die Muttersprache war es nicht, und doch klang es halbvertraut, man mußte nur erst genauer hinhorchen, um seine Mutterlaute auch in diesem fremden Gewande wiederzuerkennen. Das waren die Siebenbürgener, die, von eingewanderten Franken stammend, ebenso wie die Banater, uns zu unserer Freude die alten Bestandteile in ihrer Sprache erkennen ließen. Ihre Darbietungen, Lieder und Tänze, lock- ten uns am meisten.
Am zweiten Tage nahmen drei Dampfer die ganze Jugend mit ihren Führern schon um 7 Uhr morgens auf, um sie die Weser hinunter bis Carlshafen zu führen. Der erste Dampfer, auf dem wir mit gewohntem Glũück ein Plätzchen gefunden hatten, hatte die famose Kapelle des Osnabrücker Ratsgymnasiums an Bord, le ihre irammen Märsche, lustigen Schlager und seh nsuchtsvollen deutschen Weisen hinauf zu den Weser-
ergen sandte.
Am Samstag hiess es wieder früh aus den Federn; Verzeihung, aus dem Stroh! Ein Sonderzug brachte uns nach Witzenhausen, das uns seinen und Deutschlands Stolz. die Kolonialschule zeigen wollte, die sich der Ungunst der Zeiten in wahrhaft vorbildlicher Weise angepasst hat und im Stillen deutsche Jünglinge fähig macht, sogleich ihren Mann zu stellen, wenn wir endlich unser Recht wieder erlangt haben, wenn man uns die geraubten Kolonien wiedergegeben haben wird. Von dort gings in etwas allzuflottem Tempo zur herr-— lich aus der Ebene emporragenden Burg Hanstein und dann zur grossen Jugendtagung auf den Ludwigstein. der im Begriffe ist, seine alten Burgreste in eine der grössten deutschen Jugendherbergen umwandeln zu lassen. Gegen 9 Uhr abends trafen wir in Münden wieder ein. wo es für den Nimmersatten noch ein Sonnenwendfest mit mächtigem Flammenstoss gab. Und dann kam der Sonntag, ein wahrer Festtag fürwahr, der unauslöschlich in unser aller Frinnerung haften wird. Herr Pater Sadoc aus Stuhlweissenburg. der den Festgottesdienst hielt, fand in seiner klaren, ausdrucksvollen und tief ergreifenden Festpredigt leicht den Weg zu den Herzen der deutschen Jungmannen. Tapfer und treu! Das war die Mah- nung an sie. Tapfer und treu in allen Dingen, im Glauben, in der Liebe zum Veater- land, in der Liebe zu allem, was deutsches Wesen atmet und deutsche Zunge spricht. Für die Frage der Jugendbewegung war vor allem anderen beachtenswert die Rede Sr. Exellenz des Herrn von Hintze, des ersten Vorsitzenden des V. D. A., die er bei dem Festessen dieses Tages hielt. Er gemahnte daran, dass der Verein bei allem, was er tue und treibe, das Wohl derer im Auge behalte, zu deren Nutz und Frommen er gegründet sei. Wahrer Patriotismus dürfe nicht nur gefühlsmässig handeln, er müsse viel- mehr wie gute Politik von der Zweckmässigkeit. von dem Augenblick, von der FErfassung des Nöglichen gelenkt sein. So sei oft ein scheinbares Nachlassen in der Verfolgung nationaler Forderungen wertvoller für die deutsche Sache als das leidenschaftliche und unüberlegte Drauflosgehen. Die Jugend, so führte er weiter aus, finden wir heute noch so wie vor 1914, wie wir sie wünschen: begeistert für alles Edle, Schöne und Gute, ständig bereit zur Tat. Aber ein wertvoll es Gut früherer Tage lässt sie bisweilen vermissen: den Gehorsam, die Zucht und die Disziplin, und zwar Disziplin in dem höheren Sinne, d. h. der bereitwil- ligen Unterordnung persönlicher Sonderinteressen unter das Wohl der Gesamtheit. Dadurch ist die Jugend- bewegung in Gefahr zu zersplittern. Und es ist eine hohe Aufgabe des V. D. A. mitzuhelfen, dieser Gefahr entgegenzuarbeiten, indem für die ganze Jugendbewegung ein gemeinsames, hohes Ziel aufgestellt wird, die Liebe zum Volkstum.
Am Nachmittag kam dann der Höhepunkt des Erlebnisses für die lugend. der Festzug. Vereine aus Mün- den und Cassel, lIugendgruppen aus allen Gauen, z. T. in ihren Landestrachten. Gruppen der Auslandsdeut- schen, die Mündener Forstakademie, die Göttinger Studentenschaft. Knappschaftsvereine, die Kolonialschule von Witzenhausen. grossartige Festwagen wie der vierspännige afrikanische Ochsenwagen der Köolonialschule, oder der Wagen. auf dem Dr. Eisenbarth redivivus die Leut' nach seiner Art kurierte. dann wieder der at- tenfänger von Hameln, der, wie einst, so auch diesmal eine Menge deutscher Buben und Mädels zur Fr-— holung nach Siebenbürgen entführte, und endlich unzählige Musikkapellen— das war des Schönen fast zu viel für ein junges deutsches Gemüt.
Abends gegen /½ 11 Uhr waren wir wieder zu Hause, und die Augen unserer Jugend strahlten den sie erwartenden Eltern schon von weitem stolz entgegen: Wir waren mit dabei!
Und nun zum Schluß noch einige Worte über die Frage: Was soll die Jugend. insbesondere die katho- lische Jugend bei solcher Tagung, warum besteht an unserer katholischen höheren Schule eine Jugendgruppe des V. D. A.?
Die Jugendbewegung ist in Gefahr zu zersplittern. Das haben wir Lehrer längst erkannt. Dass diese Gefahr erst nach dem Kriege zu Tage trat, liegt lediglich daran. dass wir bis 1918 eine Jugendbewegung in dem Umfange und in der Aktivität wie heute überhaupt nicht kannten. Dass die verschiedensten Gruppen eine Fülle verschiedener Ideale pflegen wie Religion, Musik, Kunst, Literatur, Turnen, Sport, Wandern ist nicht nur gut, sondern selbstverständlich und notwendig. Aber bei aller Verschiedenartigkeit der Interessen muss es ein gemeinsames Ziel geben, das heisst für uns Deutsche wie für jede Nation, die nicht untergehen will: Vaterland Es ist tief zu beklagen, dass die Jugendbewegung bis jetzt dieses gemeinsame Ziel nicht nur vermissen lässt, sondern, dass sie leider schon allzu sehr in das Parteigetriebe und den Parteihader hin- eingezerrt ist. Die Jugendbewegung muss neutral bleiben, wenn sie gesund bleiben will. Die Jugend vom


