Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
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ſehens geſchehen. Ein ſolches kann am Ende auch einem ſo ſcharfen Denker einmal mitunter⸗ laufen. Zu rügen iſt aber, daß in einer ſo vielgeleſenen Abhandlung ein ſolches Verſehen nicht früher bemerkt wurde. Freilich handelte es ſich auch nur um ein Citat aus dem Bereiche der deutſchen Litteratur. Hätte Bernays ſich in irrthümlicher Weiſe auf irgend einen byzantiniſchen Scholiaſten berufen, ſo wäre ihm das wohl nicht lange geſchenkt geblieben, wie ja z. B. in dem Streit über die Katharſisfrage mitunter über reine Bagatellen die umſtändlichſten Widerlegungen gegen ihn vorgebracht wurden.

Daß alſo die Bernays'ſche Behauptung in ihrer vorliegenden Faſſung voͤllig un⸗ haltbar iſt, liegt nunmehr auf der Hand. Ariſtoteles muß nach Allem, was ſich bei einer ver⸗ ſtändigen Interpretation ſeiner Schrift ergibt, nach Allem was eine unparteiiſche Würdigung der zahlreichen Stimmen des Alterthums lehrt, die alte Komödie als eine vollberechtigte Unter⸗ art des kunſtmäßigen Dramas anerkannt und berückſichtigt haben. In dieſem Punkt hat Leſſing unbedingt Recht. Wie kommt es aber, daß man trotz der vortrefflichen Darlegung Leſſing's immer wieder nach jener irrthümlichen Auffaſſung zurückgegriffen hat? Beſaß man denn über⸗ haupt irgendwelche Gründe für dieſes Verhalten? Sicherlich! Und zum Mindeſten ebenſo triftige wie auf der andern Seite.

Wenn nämlich Leſſing das Verdienſt hat, mit Entſchiedenheit hervorgehoben zu haben, daß der Wortlaut der Poetik und die geſunde Vernunft keinen Zweifel aufkommen laſſen über die Thatſache der Anerkennung der alten Komödie von Seiten des Ariſtoteles, ſo hat dagegen Ber⸗ nays nebſt ſeinen Geſinnungsgenoſſen das nicht geringere Verdienſt, mit Zähigkeit an der Ueberzeugung feſtgehalten zu haben, daß die Anforderungen des Ariſtoteles an ein kunſtgerechtes Drama ſchlechterdings im Widerſpruch ſtehen mit der Beſchaffenheit der unter Ariſtophanes Namen erhaltenen Stücke. Alſo beide haben Recht, beide haben Unrecht bis zu einem ge⸗ wiſſen Punkte. Und warum? Sehr einfach. Beide Parteien ſind in ihren Folgerungen fehl gegangen; vielleicht nur deßhalb, weil man beiderſeits die Argumente des Gegners ignorirte, ſtatt ſie genau zu erwägen. Nunmehr aber iſt die Löſung des Räthſels freilich ſehr einfach (faſt möchte man ſagen, ſo einfach wie bei dem Ei des Kolumbus):

Ariſtoteles hat die alte Komödie ſeit Krates als eine der Tragödie ebenbürtige Unterart des kunſtmäßigen Dramas angeſehen und ihre Dichter für wahrhafte Künſtler im Sinne ſeiner ſtrengen Theorie gehalten. Allein die elf ariſtophaniſchen Komödien, welche auf unſere Zeit ge⸗ kommen ſind, ſind eben nicht in der Geſtalt erhalten, in welcher ſie dem Ariſtoteles vorlagen. Sie ſind mittlerweile gründlich überarbeitet worden. Darum paſſen ſie natürlich nicht mehr zu der

ariſtoteliſchen Theorie. 2.

Bei dieſem Ergebniß könnte man unter gewöhnlichen Umſtänden ſich immerhin beruhigen. Allein da es ſich hier um die gründliche Ausrottung eines tiefeingewurzelten Vorurtheils handelt, ſo kann es dem Forſcher nicht gleichgültig ſein, daß auch noch unverächtliche Zeugniſſe zweiten Ranges vorhanden ſind.