Zum vierhundertjährigen Geburtstage Philipps des Grossmütigen.
Rede, gehalten im Königlichen Gymnasium zu Rinteln am 12. November 1904 von Metropolitan Braunhof.
Alt-Hessenland, darf deiner Geschichte wirklich noch ein Tag festlichen Gedenkens gelten? Sind die Erinnerungen an dich nicht nur dem nachdenklichen Lesen von Grab- inschriften vergleichbar? Nein, weithin in vielen Herzen lebt heute auf das Bewusstsein von der Bedeutung des Landes, das einst von der Weser bis zum Neckar, von der Werra bis zum Rhein kraftvoll und gesegnet sich ausdehnte. Den Anlass, den Blick zurück- zulenken, bietet ein Fürst, eine hochherzige Persönlichkeit, dessen 400 jähriger Geburtstag am 13. November die dankbaren Hessen, die denkenden Deutschen wachruft. Auch diese Stunde sei geweiht dem Gedächtnis dieses Philipp des Grossmütigen, des grössten hessischen Fürsten, des entschiedensten Vorkämpfers der Reformation. Nicht kann es Aufgabe sein, sein ganzes vom 13. November 1504 und vom 31. März 1567 zeitlich begrenztes Leben, das in eine der stürmischsten und reichsten Perioden der deutschen Geschichte fiel, vor Augen zu führen; nicht ist es möglich, der landesgeschichtlichen, der weltgeschichtlichen und der kirchlichen Bedeutung dieses Mannes in eilenden Worten gerecht zu werden, und doch soll ein wahrheitsvoller Blick auf den ganzen Philipp ge— wonnen werden. Es ist unsere Hoffnung, dass dies gelingen könne, wenn wir wie in lebenden Bildern die Höhepunkte und die entscheidungsvollsten Geschehnisse seiner Lebens- bahn vor uns erscheinen lassen.
Wie gewaltig ist der Eindruck schon des ersten dieser Bilder, das uns die beiden Helden der deutschen Reformation, den geistlichen und den weltlichen, in erster, verständnis- voller Begegnung zeigt! Gross war die Zeit, eine Zeit der Gährung, der Neubildung. Das Mittelalter mit seiner Erhabenheit und seinem Dunkel versank in die Vergangenheit; Buchdruckerkunst, Amerika waren Symbole der neuen Bahnen, in die die Neuzeit mit Kunst und Wissenschaft und gesamter Kultur einlenkte. Der jetzt erwachende Geist war zugleich ein scharfer Luftzug in die Hallen der Kirchen und Klöster, in denen es nach Staub und Moder und Fäulnis roch. Wohl erstand in der ewigen Stadt die pracht- vollste Kirche der Erde, aber die Bausteine, die in den Herzen, in den Gewissen ruhten, lösten sich. Nicht zu ertragen war der Reliquienhandel, der Mönchsbettel, das UÜbermass der kirchlichen Strafwillkäür. Nicht zu ertragen war das Religionsgeschäft, dessen Com-


