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dendes, ein durch und durch demokratisches Pflichtensystem ist, so sind auch die Würden, die es austeilt, jedem einzelnen Volks- genossen zugedacht. Der Vertreter Gottes auf Erden gab und giebt es unzählig viele: jeder Vater, jede Mutter sind irdische Abbilder der göttlichen Vorsehung, verehrungswürdig und Ver- ehrung heischend ein jeder in seinem häuslichen Kreise. Die auf die Elternverehrung sich beziehenden Vorschriften, die doch schliesslich in wahrhaft befriedigender Weise nur mit dem Gemüte erfüllt werden können, haben sich sogar einer Paragraphierung in den jüdischen Gesetzeskodices*¹) fügen müssen. Die stattliche Reihe von Paragraphen, die über diesen Gegenstand existieren, ist wohl geeignet, in dem heranwachsenden Geschlechte eine hohe Herzenskultur auszubilden. Die Eltern zu lieben, heisst es, das bedarf keiner Vorschrift in einem Gesetze, welches ja die allge- meine Menschenliebe mit den Worten befiehlt:„Liebe ²⁸) Dei- nen Nächsten wie dich selbst, ich bin Gott!“ Wird doch dieses Gebot schliesslich sogar auf den Fremden, der sich in dem hei- ligen Lande niedergelassen hat, ausgedehnt:„Du ²*) sollst ihn(den Fremden) lieben wie dich selbst, denn Fremdlinge waret ihr selbst im Lande Agypten, Ich bin Gott, Euer Gott!“ Diese all- gemeine Menschenliebe brauchte also für die Eltern nicht noch besonders zur Pflicht gemacht zu werden. Was man ihnen auch an Wohltaten erweist, kann ja immer nur als das Abtragen einer unverjährbaren Dankesschuld angesehen werden. Du musst, heisst es vielmehr, ihnen eine tiefe und leidenschaftliche Liebe weihen, die der nahe kommt, mit der deine Eltern dich in deiner Hilf- losigkeit geliebt haben. Schwere Verantwortung lädt der auf sich, dem die Sorge für die Eltern eine Last deucht,— auch wenn er sich dieser Last nicht entzieht. Wer seinen Eltern bei- steht und sie wohl äusserlich ehrt, ihnen aber nicht auch im Herzen wirkliche Verehrung zollt, auf den wird das grollende Wort des Jesajah von den gedankenlosen Gottesverehrern angewendet: „Darum, ²*) weil dieses Volk sich nähert mit seinem Munde und mit seinen Lippen mich ehrt, sein Herz aber von mir fern
27) S. Anmerkung 25. 28) Pentateuch III Cap. 10, V. 18. 2⁰) ib. Cap. 19, V. 34. 30) Jesajan Cap. XXIX, 13, V. 14.
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