14 das Predigen sogar streng verboten. Als Symbole gelten nur das unveränderte Nicänische(welches den von der ersten allgemeinen Kirchenversammlung zu Konstantinopel 381 zu dem dritten Artikel gemachten Zusatz: wir glauben an den hl. Geist etc. nicht hat) und das sogenannte Athanasianische oder, wie es nach seinen Anfangsworten heisst, das Symbolum Quicumque. Hinsichtlich des Lesens und der Ueber- setzungen der hl. Schrift bestehen in der Griechischen und Russischen Kirche ähnliche Verhältnisse wie in der Lateinischen(Conc. Hierosol. quaestio I bei Harduin J. c. p. 256). Für richtige Uebersetzungen in der Muttersprache zu sorgen ist Sache der Bischöfe, auch müssen diese gegen die Missbräuche zu schützen suchen, die aus dem ohne Vorbereitung und Leitung getriebenen Bibellesen besonders unter den ungebil- deten Ständen entstehen können. Zur Versicherung dass keiner unter den Kirchenbeamten selbst unkirch- liche Lehren verbreite, wird vor den zu consekrirenden Bischöfen ein Glaubensbekenntniss und Religionseid verlangt. Der Unterricht der angehenden Kleriker wird in der Griechischen Kirche fast allein von den Mönchen besorgt und ist im ganzen sehr schlecht bestellt; nur wenige Kleriker des Königreichs Griechen- land sind des Schreibens kundig, und diese führen als Zeichen ihrer Gelehrsamkeit ein Tintenfass im Gürtel; die meisten sind durch die Kärglichkeit ihres Einkommens zur Betreibung eines Handwerkes oder des Ackerbaues genöthigt. Den Hauptbestandtheil des Unterrichtes machen die altgriechische Sprache(dieses ist die Kirchensprache) und die Kenntniss der kirchlichen Liturgien(Ritualien oder Euchologien) aus; denn in der morgenländischen Kirche giebt es ebenfalls sowohl für die gewöhnlichen Verrichtungen der Bischöfe und Priester wie für ausserordentliche Feierlichkeiten bestimmte Ritualien; die Kirche von Konstantinopel hat noch ein besonderes Ceremonialbuch. In Russland sind besonders auf Betreiben Peter des Grossen bei dem Haupikloster jedes Prälaten zur Bildung angehender Kleriker Seminarien oder Kollegien eingerichtet worden. Die Mitglieder des niedern Russischen Klerus stehen aber auf einer sehr niedern Bildungsstufe und daher, ungeachtet der sehr hohen Achtung des Volkes vor dem geistlichen Amte, in sehr geringem persönlichen Ansehen; sie, verstehen selten mehr als ein wenig Alt-Slawonisch, um die Messe lesen und die Vesper singen zu können(das Alt-Slawonische ist die Kirchensprache in Russland, der am frühsten ausgebildete Slawische Dialect, den die beiden Slawen-Apostel Methodius und Kyrillos(slawisch: Strachota und Kiuriul) 863 schon für ihre Uebersetzung der Bibel und mehrer liturgischen Schriften als Bücher- sprache benutzen konnten; in ihm sind die ältesten Bibelübersetzungen, z. B. das Ostromirsche Evangelium 1056, das Mstislawische Evangelium 1125, die ältesten Sammlungen von Kirchengesetzen, namentlich die Kormtschaja Kniga, abgefasst, die der Patriarch Nikon 1653 an die Kirchen des Zarenreiches vertheilen liess).*) Ueberdies sind die Einkünfte des niedern Russischen Klerus so därflig, dass er auf Ackerbau und andern Erwerb Bedacht nehmen muss; er rekrutirt sich daher auch durchgängig aus sich selbst, aus den Söhnen der Priester und niedern Offizianten, die sich auch nur wieder mit Töchtern von solchen verhei- rathen. Auch die Metropoliten, Erzbischöfe und Bischöfe sind seit der von Katharina 1764 geschehenen Einziehung der Kirchengüter von der Krone sehr kärglich besoldet. Diese geringe wissenschaftliche Bild- ung des Klerus ist aueh eine der Hauptursachen, weshalb die Kirche in Russland so wenig zur sittlichen Hebung und Kräftigung des Volkes geleistet hat; freilich hat dies auch noch andere Gründe, namentlich
*) Welcher Dialekt das Altkirchenslawische eigentlich ist, darüber sind die Slawisten verschiedener Ansicht; Kopitar und Miklosich halten es für Altslowenisch oder Karantanisch, Bahrd es, und Safarik für Altbul- garisch; letzteres scheint das richtigere.


