Aufsatz 
Isokrates, Machiavelli, Fichte : ein Essay / Jakob Engel
Entstehung
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Iſokrates, Machiavelli, Fichte.

Ein Elſſayp.

Gerade ein Jahr iſt vergangen, ſeitdem vom Belt bis zu den Alpen, von der Moſel bis zum Niemen von allen Kirchtürmen herab eherne Trauerklänge verkündeten, daß der hehre Greis, der die deutſchen Stämme im Kampfe wider den Erbfeind zu einer Nation geeinigt, das Zeitliche geſegnet habe. Die Wiederkehr jener Märztage, deren einer uns den Wiederherſteller des deutſchen Reiches gab, der andere uns ihn nahm, legt es uns nahe, auch desjenigen Mannes zu gedenken, welcher als der erſte namhafte Verkündiger der unter König Wilhelm 1 verwirklichten Ideen auf⸗ trat. Es war auch an einem Märztage, dem 17. des Jahres 1813, an welchem König Friedrich Wilhelm III ſein Volk zum heiligen Kampfe auf Sieg oder Tod aufrief, und unmittelbar nach dem königlichen Aufruf, ja ſogar mit Bezug auf denſelben ſchrieb jener Mann, Johann Gottlieb Fichte, den Entwurf einer politiſchen Schrift nieder, worin er hellſehenden Auges darlegte, daß öſterreichs und Preußens Intereſſen grundverſchieden ſeien, daß des letzteren Miſſion die Einigung der deutſchen Stämme zu einem nationalen Staate ſei, daß durch Krieg wider den Feind des deutſchen Namens aus der Vielheit von Stämmen die Einheit eines Volkes erwachſen werde, daß der König von Preußen alsZwingherr zur Deutſchheit an die Spitze Deutſchlands treten müſſe. Doch nicht erſt das 22. Jahrhundert, wie er gemeint hatte, ſondern noch das laufende brachte den Ahnungen des patriotiſchen Sehers Erfüllung, daſſelbe, welches auch die Träume Machiavellis erfüllte, das nämliche, welches auch aus dem mit den Trümmern einer großen Vergangenheit be⸗ deckten Boden der Balkanhalbinſel den nationalen Gedanken wieder aufwachſen ſah.

Angeſichts dieſes Kennzeichens des ſcheidenden Jahrhunderts ſei es vergönnt, auf die Zeiten und Verhältniſſe, unter denen ſich bei den betreffenden Völkern der nationale Gedanke zum erſten Male in entſchiedener Weiſe regte, einen vergleichenden Blick zu werfen, ebenſo auf die Perſönlichkeit der Hauptapoſtel dieſer Idee und die Verſchiedenheit ihrer Mittel zur Erreichung des gleichen Zweckes.

So verſchieden auch die Zeiten und Völker ſind, welche hier in Parallelle gebracht werden ſollen, ſo wenig verſchiedenartig ſind ſie; alle drei Nationen, die Hellenen, die Italiener und die Deutſchen ſchwangen einmal den übrigen voran das Banner der Kultur, und ihre geiſtige Bedeutung war am größten zur Zeit ihres ſtaatlichen Niederganges und ihres ſittlichen Verfalles. Und je größer die Gefahr, ihr Volkstum einzubüßen, um ſo ſehnſüchtiger war ihr Harren auf einen Meſſias. Freilich weder der florentiniſche Staatsmann, noch der deutſche Philoſoph, geſchweige denn der attiſche Rhetor, erfüllten den Beruf eines politiſchen Meſſias ganz und voll. Wohl vermochten ſie, um eine ſichte'ſche Wendung zu gebrauchen,Schwert und Blitz zu reden, beziehungsweiſe zu ſchreiben, nicht aber beide mit gleicher Virtuoſität zu ſchwingen, es fehlte ihnen entweder die Gelegenheit oder die Begabung am Steuerruder des Staates zu ſtehen. Sie glichen, um in dem vorhin berührten Bilde zu bleiben, mehr dem Prediger in der Wüſte als dem Erlöſer ſelbſt, ſie verkündeten den Meſſias, ſie ſuchten ihm einen Weg zu bereiten und ſie ſtarben alle, bevor ſie ihn geſehen hatten. Der eine von den dreien ſtarb gleich dem Täufer Johannes in Zweifel, ob der

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