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Mindestens ebenso schädlich als der Gebrauch zu starker Brillen, ist der Gebrauch von Hohlbrillen zur Betrachtung naher Gegenstände. Schreibt oder liest der Kurzsichtige, ohne seine Brille abzulegen, so Pehandelt er die nahen Buchstaben, aks ob sie sich in grosser Ferne befünden. Die Bilder naher Gegenstände fallen ja ohne Anwendung der Hohlbrille bei dem kuresichtigen Auge auf die Netzhaut; wird nun eine solche Brille zwischen Auge und Object gebracht, so füllt das Bild bei der bisherigen Augeneinstellung hinter die Netzhaut. Um also deutlich zu schen, mus das Auge die Strahlen stärker brechen, es muss sich noch kurzsichtiger einstellen, als es von Natur ist, und wird dadurch immer
Aus Obigem dürfte einleuchten, dass es durchaus zweckmässig ist, wenn Schillern verboten wird, in den Classen Brillen zu tragen, es sei denn, um von der fernstchenden Sahultafel abzulesen. Ueberhaupt künnte von Seiten der Lchrer der in bedenklicher Weise um sich greifenden Kurzsichtigkeit junger Leute entgegengearbeitet werden; namentlich sollten Schreib- und Zeichenlehrer ein wachsames Auge duarauf haben, dass ihre Schüler das Auge nicht zu nahe an Schrift und Zeichnung bringen. Acht Zoll unseres Werk- masses dürfte die richtige Entfernung sein. Wer in geringerer Entfernung liest oder schreibt oder zeichnet, wird nothwendig zuletzt kurzsichtig. Um indessen in dieser nor- malen Entfernung arbeiten zu können, ist durchaus erforderlich, dass die Schrift gehörig beleuchtet und hinlünglich gross ist. Auf helle Schulzimmer und grossen, deutlichen Druck der Schulbücher sollte daher von jedem, der dabei betheiligt ist, vorzugsweise geschen werden; namentlich sollte man die Duodezausgaben ganz aus den Schulen ver- bannen. Selbst wo bereits Kurzsichtigkeit eingetreten ist, lisst sich unter günstigen Um- stünden das Uebel mindern oder ganz heben. Sucht der Kurzsichtige in immer weiteren Eutfernungen au lesen und zu schreiben, so gibt das Auge allmählich nach und die Kurz- sichtigkeit nimmt nach und nach ab..
Schliesslich noch einige Regeln für Anschaffung und Conservirung einer guten Brille.
Vor Allem muss, wenn eine Brille nicht nachtheilig sein soll, die Kurzsichtigkeit schon einen bedeutenden Grad erreicht haben, und der Kurzsichtige genöthigt sein, auch in die Ferne deutlich zu sehen. Ist nun das Bedürfniss einer Brille unzweifelhaft, so begebe man sich zu einem anerkannt tüchtigen Opticus, damit man eine gutgeschliffene Brille mit reinen Gläisern bekomme. Mit Hülfe eines Optometers, auf dessen Beschreibung hier nicht nuler eingegangen werden kann, wird dieser die dem Auge angemessene Brille ziemlich herausfinden. Alsdann betrachte man sich ohne Brille einen fernen Gegenstand, den man natürlich nur undeutlich schen wird; betrachte södann durch die vorgeschlagene Brille den Gegenstand. Sieht man denselben nur soeben deutlich, so betrachte man ihn nun auch durch eine Brille, die eine Nummer schwächer ist. Zeigt diese den Gegenstand undeutlich, so ist die erstere Brille die für das Auge passende. Sollte man aber auch durch die zweite Brille noch deutlich in die Ferne schen, so müsste man zu noch schwä- cheren Nummern herabgehen, und zuletzt die schwächste von denen wähllen, durch die man deutlich sicht. 2 e 2
Von hausirenden Brillenhündlern sollte der unerfahrne junge Mann keine Brille kaufen; weil es schon optische Kenntnisse voraussetzt, um brurtheilen zu können, ob eine Brille


