24 Am 17. Februar fand die Abiturienten⸗Prüfung unter Vorſitz des Herrn Geh. Reg.⸗ u. Prov.⸗ Schulrats Dr. Kaiſer ſtatt; ſämtliche 8 Prüflinge beſtanden, 3 unter Befreiung vom Mündlichen. Am 27. Februar entließ der Direktor die Abiturienten mit folgender Anſprache:
Meine lieben jungen Freunde!
Als im Herbſt v. J. ein großer Teil Ihrer Kameraden die Notprüfung beſtand, um ins Feld, mit Gott für König und Vaterland, zu rücken, da lag auf dem Tiſch daheim die Zeitung mit der Überſchrift:„Lüttich erſtürmt!“ und als wir jetzt mit Ihnen die mündliche Prüfung abhielten, da ſtand mit großen Buchſtaben auf der einen Zeitung„Die Ruſſen vernichtend geſchlagen“, auf der anderen: „Hindenburgs neueſte Tat“. Wie groß und gewaltig dieſe Tat geweſen, das erfuhren wir erſt in dieſen Tagen, und helle Begeiſterung durchſtrömte unſere Herzen, als die Banner wieder wehten und die Glockentöne die Luft durchbrauſten. Kein Name iſt auf unſeren Lippen ſo häufig ſeit dem Tannenberger Siege als der Hindenburgs, und aufs neue hat er dichten Lorbeer herrlicher Siege ſich ums Haupt geſchlungen. Es war rührend und ergreifend, was wir nach und nach von ſeinem Leben erfuhren, wie frühe in ihm ein großer Ernſt ſich mit Demut und Gottesfurcht paarte, wie feſt er ſein Ziel ins Auge faßte und wie er nimmer ermüdete, mit ſtrengſter Sammlung aller Kräfte es zu erreichen.
Wenn ich in der lateiniſchen Prüfung mit dem Worte Rückerts begann:„Vor jedem ſteht ein Bild des, das er werden ſoll, So lang er das nicht iſt, iſt nicht ſein Wünſchen voll“, da dachte ich an den großen Helden der maſuriſchen Seen, deſſen ganzes Tichten und Trachten ſeit Jahrzehnten auf die Niederzwingung der Ruſſen gerichtet war— die gewaltige Gefahr drohte ja ſchon lange— und der nun durch ſeine geniale Feldherrnkunſt ein Rieſenheer nach dem anderen bezwungen hat. Und was wir an kleinen menſchlichen Zügen von ſeinem Weſen erfahren, das deutet immer wieder auf den feſten Ernſt, gepaart mit Demut und Gottesfurcht, wie ſie ſchon bei dem Knaben hervor⸗ traten. Wahrlich ein vorbildlicher deutſcher Mann für jeden deutſchen Jüngling, der ins Leben hinaus⸗ tritt. Alſo auch für Sie, meine lieben jungen Freunde! In der Offizien⸗Stelle, die Sie zu über⸗ ſetzen hatten, war von der Berufswahl die Rede. Cicero ging davon aus, wie Herakles mit ſich Rates gepflogen habe, in dem Zeitpunkte, der uns von der Natur zur Wahl unſeres künftigen Lebensweges gegeben iſt— einſt zu Rom war es die Anlegung der toga virilis, im Mittelalter der Ritterſchlag, jetzt iſt es die Konfirmation oder das Abitur— wie er in die Einſamkeit gegangen ſei und zwei Wege vor ſich ſah, den der Luſt(Voluptas) und den der Tugend(Virtus), und ſich ernſtlich über⸗ legt habe, welcher von den beiden Wegen der beſſere ſei. Ein Sohn des Zeus freilich konnte nicht lange ſchwanken. Anders iſt es bei den ſterblichen Menſchen. Die laſſen ſich durch die Gewohnheit und Sitte des Elternhauſes leicht beſtimmen— da kann alſo heute der eine nur Juriſt, der andere nur Offizier, ein dritter nur Univerſitäts⸗Profeſſor werden— andere laſſen ſich durch zufällige Neigung, durch eine gewiſſe Vorliebe für dieſes oder jenes beſtimmen. Cicero betont die Wichtigkeit der eigentümlichen Naturanlage; dieſe muß jeder erkennen und prüfen, wenn er darauf ſein Lebens⸗ glück gründen und dem großen Ganzen, dem Staate, ein nützlicher Diener werden will. Das beſte Erbteil aber— ſagt Cicero— das die Eltern ihren Kindern hinterlaſſen können, iſt der Ruhm der Verdienſte und der Taten, und dieſen zu beflecken muß als Frevel und Schande angeſehen werden. Sie werden ſogleich an die ſchönen, ſo beherzigenswerten Strophen des Horaz erinnert worden ſein, die ich Ihnen in dieſer ernſten Stunde noch einmal als Richtſchnur für den Lebensweg zurufen möchte:
Non possidentem multa vocaveris Duramque callet pauperiem pati Recte beatum; rectius occupat Peiusque leto flagitium timet, Nomen beati, qui deorum Non ille pro caris amicis
Muneribus sapienter uti Aut patria timidus perire.


