Aufsatz 
Aus großer, ernster Zeit. Ansprachen
Entstehung
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Was liegt nicht in den drei Wortenunter allen Umſtänden! Das heißt: Schwierigkeiten, Hemmniſſe, Gefahren gibt es nicht. Es heißt nurDurch! Und daß unſere Krieger ſo großartig ſich bewähren und ſo Gewaltiges leiſten, das liegt in ihrer Willenszucht, in ihrem Pflichtbewußtſein, in ihrer Hingabe an den großen Gedanken: Das Vaterland ſteht höher als unſer Einzel⸗Leben, wir müſſen ſiegen! Wenn der Engländer in ſeinem engen Krämergeiſt kämpfen will bis zum letzten Penny, ſo kämpfen die Unſeren bis zum letzten Blutstropfen.

In dem Unterſchied liegt der Unterſchied ganzer Weltanſchauungen. Im Deutſchen verkörpert ſich jener Idealismus, der die Antike und die Blüte unſerer deutſchen Literatur und Wiſſenſchaft und Kunſt durchzieht, im Engländer jener Geſchäftsſinn, der alles, und ſei es ſelbſt ein Völkerkrieg, nur darauf prüft: Was koſtet es, und was bringt es ein?

Auf antikem, deutſchem und chriſtlichem Idealismus ſind unſere humaniſtiſchen Gymnaſien ge⸗ gründet, und dieſem wollen auch wir allezeit treu bleiben, uns fern haltend von jener Verherrlichung des Fremden, die ſo oft das echte Deutſchtum in vollem Werte zu ſchätzen die Deutſchen abgehalten hat.

Wir wollen uns gerade jetzt immer wieder klar vor Augen ſtellen, um welche hohen Güter es ſich in dieſem Völkerringen handelt. Jedermann, ob alt oder jung, frage ſich gegenüber der furcht⸗ baren Ernte, die der Tod unter der Blüte unſeres Volkes dadraußen hält: Haſt du ein Recht zu leben? Faßt du das Leben richtig auf? Iſt es dir mehr als Eſſen und Trinken, Wachen und Schlafen, ja ſelbſt mehr als die tägliche Pflichterfüllung, die nur darauf zielt, vorwärts zu kommen? Unſere ernſte große Zeit muß unſer Beſtreben ſtählen, immer innerlicher und reifer, wahrer und freier zu werden. Mit Lügennetzen umſpinnen uns unſere Feinde. Und warum? Well ſie ſich innerlich unſicher, unfrei fühlen. Wer mit Unehrlichkeit ſich wappnen muß, der iſt in ſich ſchwach und hohl, ein Knecht der Lüge. Der Starke führt das Schwert der Wahrheit. Deutſchland und Oſterreich ſtehen zuſammen, Schulter an Schulter, und wechſeln Treue um Treue, der eine reicht in dankbarer Anerkennung des Geleiſteten dem anderen die Palme des Sieges; bei unſeren Feinden klagt der eine den anderen an und ſchiebt ihm die Schuld der Mißerfolge zu. Hoffen wir, daß all ihr Tun zerſchellt an dem Felſen der Wahrheit und zu Grunde geht an der Schärfe des Schwertes!

Heiße Gebete ſteigen in dieſen Tagen unſeres chriſtlichen Feſtes zu dem Schlachtenlenker, der über den Sternen wohnt, empor, und heiße Wünſche und Grüße entbieten wir unſeren braven Kriegern in Oſt und Weſt.Über weite Lande und über das dunkle Meer wandelt ſchweigend die Weihenacht, kommt aus dem deutſchen Lande her, Hat zu wandeln gar weiten Weg, Hat zu tragen gar ſchwere Fracht. Tauſend Gedanken aus Hütte und Haus, Alle in Liebe und Sorge gehegt, Sind ihm zu tragen auferlegt, Soll ſie beſtellen fern da drauß. Soll dem Sohne am fernen Strand Sagen:Die Mutter denket dein. Soll dem Vater im fremden Land Bote von Weib und Kindern ſein... Und die Männer dadraußen denken heim an den Tannenbaum, denken heim an den Lichterglanz, träumen den ſeligen Weihnachtstraum.

Und über die Lande und über das Meer Wandelt ſchweigend die Weihenacht, Kommt aus dem fernen Lande her, Hat bis Deutſchland gar weiten Weg, Hat zu tragen gar ſchwere Fracht. Grüße an all, die in Hütte und Haus Heut' unterm Baume zuſammen ſind, Vater, Mutter und Weib und Kind, Grüße viel tauſend, am Herzen gehegt, Haben die Männer, die fernen, da drauß' Ihr zu beſtellen auferlegt. Sorgt nicht ſorgt nicht, ſie wird's beſtellen.

In dieſem Geiſte der Liebe und in dem tiefen Ernſt, den die Zeit uns ins Herz gelegt hat, wollen auch wir Weihnachten feiern.*)

=*) Ich verweiſe auf meine Kriegsaufſätze:Der Krieg und der Schulunterricht(Deutſches Philologenblatt Nr. 32/33, 2. Sept. 1914);Die Poeſie des Krieges und der Krieg in der Poeſie(Konſerv. Monatsſchrift Okt. u. Nov.⸗Heft 1914); Auch der Krieg hat ſeine Poeſie. Ein Gedankengang einer deutſchen Stunde(D. Philol.⸗Blatt Nr. 46, 9. Dez. 1914),Der

Krieg in der Poeſie(D. Philol.⸗Bl. Nr. 1. 6. Jan. 1915);Tod, Tragödie und Krieg(Konſ. Monatsſchr. Jan. u. Febr. Heft 1915; D. Philol.⸗Bl. Nr. 6, 10. Jebr. 1915 Nr. 10. 10. März 1915).